Magdeburg l "Das waren mal schöne Wohnungen. Einen Treffpunkt der Volkssolidarität gab es dort und unten einen Laden für Strickmuster und Zubehör", erinnert sich eine angestammte Ladenbesitzerin am Hasselbachplatz an besser Zeiten des einstigen Prachtbaus in der Sternstraße 2.

Seit der Wende steht das Gebäude leer und verfällt, während ringsherum Hauseigentümer die Pracht der Gründerzeit wieder aufleben ließen. Nicht so in der Sternstraße 2. Die Fenster sind raus. Schon vor Jahren wurden auf Weisung der Behörden Verzierungen von der Fassade entfernt, weil sie drohten herunterzustürzen.

Inzwischen gilt für das Gebäude die höchste Warnstufe. In einer turnusmäßigen Beratung zum Denkmalschutz erfuhr am Donnerstag der Bauausschuss des Stadtrates, dass für die Sternstraße 2 und die Otto-von-Guericke-Straße 59 wegen Einsturzgefahr komplette oder teilweise Notabrisse drohen. Wenn an den Bauten nichts gemacht wird, gibt es dazu "in absehbarer Zeit" wahrscheinlich keine Alternative mehr. Das geht aus einer Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage der Volksstimme hervor. "Ein Abriss ist immer das letzte Mittel", betonte Stadtsprecher Michael Reif.

Zunächst würden baurechtliche Verfahren eingeleitet. Die Eigentümer werden dabei aufgefordert, die Gebäude gegen Einsturzgefahr zu sichern. "Die Eigentümer werden rechtzeitig beteiligt. Es gibt noch keine Fristen oder Zeitpläne", erklärte Rathaussprecher Reif gestern. Eine Sanierung halten Fachleute allein aufgrund der großen Schäden und immenser Kosten allerdings für unrealistisch.

"Diese Gebäude sind wahrscheinlich nicht mehr zu retten", sagte auch der Bauausschuss-Vorsitzende Olaf Czogalla (SPD) nach der Ausschusssitzung gegenüber der Volksstimme: "Besonders akut ist die Situation nach unseren Informationen in der Sternstraße 2. Da die Eigentümergemeinschaft der Sternstraße 2 seit Jahren nichts unternimmt, muss die Stadt notfalls in Vorleistung gehen und das Geld von den Eigentümern zurückfordern", so Czogalla weiter. "Die Fassade soll aber möglichst stehen bleiben. Das wird ein \'hohler Vogel\'", erklärte Olaf Czogalla weiter.

Dieses Schicksal droht "in absehbarer Zeit" auch der Otto-von-Guericke-Straße 59, weitere verfallene Häuser werden folgen. Zig Altbauten drohen in den nächsten Jahren zusammenzufallen, warnte der Verband Haus Grund schon vor Monaten. Etwa 30 Gebäude stehen nach Angaben des Verbandes "bereits kurz vor dem Abriss oder könnten in den nächsten zwei bis drei Jahren zu Problemfällen werden", so Neumann: "Bei Abrisskosten von durchschnittlich 150.000 Euro kommen rund 4,5 Millionen Euro auf die Stadt zu. Da viele Eigentumsverhältnisse ungeklärt sind, wird die Stadt davon nicht viel wiedersehen."

In vielen Fällen könne die Kommune die Eigentümer - ob im In- oder Ausland - nicht greifen. Teilweise handele es sich um Spekulationsobjekte aus Zwangsversteigerungen oder Auktionen. "Die Häuser wurden gekauft, ohne sie gesehen zu haben", so Neumann.

Zuletzt hatte der Notabriss eines Gründerzeithauses im November 2013 an der Lüneburger Straße für Schlagzeilen gesorgt. Daraufhin beschloss der Stadtrat, dass die Verwaltung ein Kataster für sogenannte "Schrottimmobilien" auflegen muss. Über ein Punktesystem soll der Zustand der Gebäude beurteilt werden, um möglichst viele der Altbauten noch irgendwie zu retten.

   

Bilder