Magdeburg I Runde Anlagen mit spitzem Hütchen als Dach - Biogas prägt immer öfter das Bild im ländlichen Raum. Die Energieform könnte eine Schlüsselrolle spielen beim Weg weg von Atom und Kohle. Doch die Anlagen haben auch Schattenseiten.

Welche Rolle spielt Biogas hierzulande?

Biomasse ist mit einem Anteil von gut 7 Prozent an der gesamten Stromerzeugung die zweitwichtigste erneuerbare Quelle hinter der Windkraft (8 Prozent). Mit einigem Abstand folgen Solarenergie und Wasserkraft. Insgesamt kam 2013 knapp ein Viertel des Stroms aus erneuerbaren Energien. Biomasse meint Abfälle (etwa Gülle oder Pflanzenreste) und nachwachsende Rohstoffe wie Mais. Sie werden in den Biogasanlagen vergoren. Meist wird das erzeugte Gas direkt zu Strom und Wärme umgewandelt. Auch eine Einspeisung ins Erdgasnetz ist möglich, was sich aber meist nur bei großen Anlagen rechnet.

Was macht Biogas unter den erneuerbaren Quellen besonders?
Eine große Schwäche der regenerativen Erzeugung ist ihre schlechte Planbarkeit. Bei Flaute liefert Windkraft nichts und bei Dunkelheit ist auch auf Solarenergie kein Verlass. Sonnenstunden und Windstärken sind nicht planbar. Bei Biogasanlagen ist das anders. Ihre Lobby spricht daher auch von einer "Systemrelevanz für die Energiewende".

Gibt es Zahlen dazu?
Der Fachverband Biogas ist nach eigenen Angaben Europas größte Lobby der Biogasbranche. Er hat kürzlich eine Studie des universitätsnahen Instituts für Zukunftsenergiesysteme Saarbrücken (IZES) vorgestellt. Demnach könnten die knapp 8000 Anlagen hierzulande aufgerüstet werden und mittels dieser technischen Aufwertung rund 6 Gigawatt elektrische Leistung flexibel, also auf Abruf bereitstellen. Die Netzbetreiber hätten auf Knopfdruck Zugriff auf die Anlagen. 6 Gigawatt entspricht ungefähr der Leistung von vier Atomkraftwerken. Perspektivisch wären laut der IZES-Studie sogar 15 Gigawatt elektrische Leistung drin, falls unter günstigen Rahmenbedingungen weiter ausgebaut wird. Würde die Hälfte der bestehenden bundesweiten Anlagen flexibilisiert, lägen die Kosten laut der Studie zwischen 150 und 320 Millionen Euro.

Was halten Kritiker von der Energieform Biogas?
In der Energiewende hat auch Biogas seine Schattenseiten, denn mit ihm wird die Landschaft zum Kraftwerk. Mais ist ein ergiebiger Treibstoff für Biogasanlagen, was dazu führte, dass die Nutzpflanze hierzulande im vergangenen Jahrzehnt eine enorme Ausbreitung fand. Die Folge: "Vermaisung", wie es Kritiker nennen. Mais-Monokulturen bedrohen die Artenvielfalt und verändern ganze Landschaften nachhaltig. Langzeitfolgen etwa für das Grundwasser zeigen sich womöglich erst später in der Zukunft.

Und was sagt die Wissenschaft?
Das Fraunhofer-Institut hat einen Kostenvergleich für die Umwandlung unterschiedlicher Energieformen in elektrischen Strom angestellt. Demnach ist Strom aus Biogas teurer als aus Wind und Sonne. Doch die Analyse berücksichtigt nicht, dass Biogasanlagen auch ihre Abwärme nutzen. Da die Energieversorgung dezentraler und intelligenter werden soll, haben Biogasanlagen zumindest an diesem Punkt einen Vorteil. Die Bauern können mit der Wärme beispielsweise ihre Ernte trocknen.

Welche Ecken in Deutschland sind besonders biogaslastig?
Bayern und Niedersachsen sind Spitzenreiter und stellen zusammen rund die Hälfte aller bundesweiten Standorte. Während der Freistaat mehr Anlagen zählt, schaffen Niedersachsens Standorte mehr Leistung. Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein folgen mit etlichem Abstand.

Was halten die Pläne der Politik für Biogas bereit?
Auch wegen der Zunahme von Maisanbauflächen soll der Zubau auf nur noch 100 Megawatt pro Jahr gedeckelt werden. Das wäre spürbar weniger als zuletzt. Beim größten Sprung in den vergangenen zehn Jahren kamen von 2010 auf 2011 rund 800 Megawatt hinzu. Mit den Reformplänen im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sollen neue Anlagen vor allem mit Abfall- und Reststoffen gefüttert werden. Auch das ist eine Reaktion auf die "Vermaisung". Da Biogasanlagen anders als Sonne und Wind berechenbarer Energie liefern, soll die Produktion stärker auf den aktuellen Bedarf ausgerichtet werden - Stichwort Flexibilisierung.

Und wie reagiert die Branche auf die Pläne der Politiker?
Mit breiter Kritik. Der Präsident des Fachverbandes Biogas, Horst Seide, spricht von einem "Stopp für Biogas". Die Lobby wehrt sich gegen mehrere Punkte. Eine Forderung: Die Deckelung für den künftigen jährlichen Anlagenneubau solle lieber bei 250 statt der geplanten 100 Megawatt liegen. Dem Fachverband gehen auch die Regelungen für den Materialmix zu weit, sie beschränkten Pflanzen wie Mais zu sehr. Außerdem rechneten sich viele erst kürzlich getätigte Investitionen mit den neuen Vorgaben kaum noch. Insolvenzen könnten die Folge sein. Daher müssten Übergangsregeln und Bestandsschutz her. (dpa)

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