Heute beginnt der zweite Teil der Vortragsreihe zum Magdeburger Recht. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine ist das Thema aktuell wie selten zuvor. Alexander Dinger sprach mit den beiden Mittelalterexperten Dr. Claus-Peter Hasse und Prof. Dr. Stephan Freund über Recht und Werte.

Volksstimme: Was macht das Magdeburger Recht so besonders?
Stephan Freund:
Das Magdeburger Stadtrecht wurde dadurch berühmt, dass es eine ganz breite Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Das heißt, im 12. Jahrhundert begann unter Erzbischof Wichmann von Seeburg in Magdeburg eine Rechtsentwicklung, die innerhalb der Stadt das Zusammenspiel zwischen Bürgern, bischöflichen Stadtherren und den Kaufleuten regelte. Gerade für auswärtige Kaufleute wurde mit dem Magdeburger Recht größere Rechtssicherheit geschaffen.

Wie weit war das Magdeburger Recht verbreitet? Es war ja nicht das einzige.
Stephan Freund:
Ja, aber es war das erfolgreichste. Das Magdeburger Stadtrecht reichte bis ins heutige Russland. Und es reichte in Teilen der Rechtswirklichkeit bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein und hatte bis in die Gegenwart an vielen Orten eine identitätsstiftende Wirkung. (siehe Karte, d. Red.) Es gibt eine Reihe von Städten, die bei ihrer Gründung explizit darauf verwiesen haben, dass sie nach Magdeburger Recht leben. Und in Magdeburg gab es zugleich den Schöppenstuhl, an dem dieses Recht beständig fortentwickelt wurde.

Das Magdeburger Stadtrecht hat als Rechtsrahmen auch eine europäische Komponente, weil es einen über Stadtgrenzen hinaus geltenden Standard festlegte. Erkennt man diese Strahlkraft noch heute?
Stephan Freund:
Ja, an zwei Punkten. Zum einen betrifft das die identitätsstiftende Wirkung, die gerade in Magdeburg immer noch vorhanden ist. Und zum anderen, weil sich von den Stadtrechten des Mittelalters ein ziemlich direkter Weg zur schriftlichen Fixierung des Rechts und zu dessen Festschreibung im 19. und 20 Jahrhundert bahnen lässt. Recht ist etwas, das sich sehr lebendig entwickelt hat.

Wie hat sich das Magdeburger Recht denn entwickelt?
Stephan Freund:
Es entwickelte sich im Grunde mit dem Aufbau Magdeburgs in der Zeit Ottos des Großen. Damals gelangte Magdeburg in den Rang dessen, was man heute eine europäische Metropole nennen würde. Allmählich wurde der Magdeburger Erzbischof zum Stadtherrn. Er war also auch dafür verantwortlich, dass das Zusammenspiel innerhalb der Bürgerschaft funktionierte. Im 12. Jahrhundert gab es außerdem das europäische Phänomen, dass man begann, sich um rechtliche Belange viel mehr Gedanken zu machen. Das war die Zeit, in der die Universitäten entstanden und es war die Zeit, in der das kirchliche Recht in schriftliche Form gefasst wurde. Parallel dazu erstarkte das Bürgertum und erhob selbst Anspruch auf Mitwirkung und Teilhabe an der Stadtherrschaft. Das führte dazu, dass Regelungsmechanismen geschaffen werden mussten. Und das funktionierte in Magdeburg unter Erzbischof Wichmann besonders erfolgreich. Sein Name fiel auch immer wieder in mehreren großen Konflikten, in denen er als Schlichter auftrat. Die bekannteste Auseinandersetzung war die zwischen Barbarossa und Papst Alexander III. Ich vermute, dass dieses diplomatische Geschick ausschlaggebend war, dass gerade in der Zeit Wichmanns das Magdeburger Recht so weiterentwickelt worden ist.

Sie sprechen von einer identitätsstiftenden Wirkung bis ins 18. Jahrhundert, Aber ging nicht gerade in der Zeit der Reformation ein deutlicher Strich durch die Landschaft?
Stephan Freund:
Es gab Glaubensauseinandersetzungen. Aber auf anderen Ebenen wie Recht und Wirtschaft gab es ganz große Kontinuität. Der Bruch kam erst im 18./19. Jahrhundert mit dem Code Civile, als Recht verschriftlicht und Frankreich zum großen Vorbild wurde.

Claus-Peter Hasse:
Das ist ja gerade das Faszinierende am Magdeburger Recht, dass es sich zu einem Exportschlager entwickelte und über Jahrhunderte hinweg ein eigenständiger Qualitätsname daraus wurde. Und das passierte losgelöst vom Schöppenstuhl und dem Ort selbst. Noch im 18. Jahrhundert wurde das Magdeburger Recht ins Russische übersetzt. Es ist ein mittelalterliches Produkt, das bis tief in die Neuzeit fortlebte, weil es lebendig geblieben ist. Und das über religiöse und ethnische Konflikte hinaus.

Ein sehr aktuelles Thema, wenn man sich beispielsweise die Entwicklung in der Ukraine anschaut.
Claus-Peter Hasse:
Kiew gehörte zu den Hauptorten des Magdeburger Rechts. Das Denkmal steht heute noch. Stadtfreiheit bedeutet immer auch selbstständiges Regieren. Für uns ist das heute klar. Das war dem mittelalterlichen Menschen aber gar nicht so selbstverständlich, dass man beispielsweise einen eigenen Rat hat, der einen vertritt. Städtische Selbstverwaltungen sind ja auch Urgründe der demokratischen Entwicklung. Wird das abgeschnitten, dann ist das immer schlecht.

Stephan Freund: Mit dem Mauerfall sind auch viele Dinge wieder ans Tageslicht geraten. Zum Beispiel, dass der Name Magdeburg im gesamten europäischen Osten einen ganz besonderen Klang hat. Vielleicht kann man sich sogar zu der These versteifen, dass Magdeburg im Osten viel bekannter ist als im Westen Europas.

Was erwartet die Besucher der Veranstaltungsreihe?
Stephan Freund:
Sie können sehr renommierte Vortragende erwarten. Gleichzeitig können Sie erwarten, dass wir die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in allgemeinverständlicher Form vermitteln werden. Bei den Magdeburgern ist der erste Teil der Ringvorlesung bereits mit großem Interesse aufgenommen worden. Im zweiten Teil wird es dann stärker darum gehen, das Magdeburger Recht in einen größeren europäischen Kontext einzubetten.

 

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