Magdeburg l Beim Aufräumen hat Eleonore Horn den vergilbten Schnellhefter entdeckt. Auf ihm steht handschriftlich "Zeitung 1918 Revolution". Der Inhalt: eine Uralt-Ausgabe der Volksstimme vom 9. November 1918. "Eine schöne Überraschung", sagt die Rentnerin, die sich kurz nach dem Fund in der Redaktion meldet.

Die 79-jährige Magdeburgerin, die seit 1960 im selben Mehrfamilienhaus in der Innenstadt wohnt, weiß sofort, woher die Ausgabe kommt. "Die ist noch von meinen Eltern", sagt sie. Als Kind wohnte Eleonore Horn an der Umfassungsstraße in Neue Neustadt. "Wir wurden im Krieg komplett ausgebombt. Die alte Volksstimme ist eines der letzten Erinnerungsstücke, die geblieben sind", sagt sie.

Jahrzehnte lag die Zeitung säuberlich gefaltet in dem Schnellhefter in einer Schrankschublade ganz unten. "Nach dem Tod meiner Eltern hatte ich einige Sachen aufgehoben", sagt Eleonore Horn. Obwohl die Wohnung der Rentnerin sehr ordentlich ist, alles gepflegt wirkt, geriet die Uralt-Volksstimme in Vergessenheit. "Sofort kommen nun Erinnerungen hoch", sagt Horn, die die "Revolutions-Ausgabe" vorsichtig in ihren Händen hält. Sie streicht mit den Fingern behutsam über das brüchige Papier.

Das Veröffentlichungsdatum - der 9. November 1918 - ist ein für die deutsche Geschichte bedeutendes. Reichskanzler Max von Baden verkündet eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und betraut Friedrich Ebert (SPD) mit den Amtsgeschäften. Parteigenosse Philipp Scheidemann ruft vom Fenster des Reichstagsgebäudes in Berlin die "Deutsche Republik" aus. Auf der Titelseite der historischen Volksstimme prangt in großen Lettern: "An die Bevölkerung Magdeburgs". Darunter ein dramatischer Aufruf: "Wahrt die Ruhe und Besonnenheit! Es darf zu keinem Blutvergießen kommen!" Im Text wird vom Revolutionsgeschehen berichtet und die Bildung eines Soldatenrates verkündet. Es folgen Reportagen vom Geschehen am Bahnhof, an der Zitadelle und aus dem Rathaus.

Es wird beschrieben, wie eine Gruppe Soldaten ins Rathaus eindringt und auf dem Dach eine kleine rote Fahne hisst. Am Breiten Weg sei "wimmelndes Leben" ausgebrochen, auf den Straßen viele Menschen unterwegs. Es wird von Verpflegungsschwierigkeiten berichtet, dem Revolutionswetter, Opfern, der Situation in Bayern, Bremen, Preußen und vom Ultimatum der Sozialdemokratie: die Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen.

"Das ist ein interessanter Blick in die Vergangenheit", sagt Eleonore Horn. Das fällt auch bei den Annoncen auf. Da wird beispielsweise im Tonbild-Theater Buckau an der Schönebecker Straße "Das Maskenfest des Lebens", ein Drama in vier Akten, angekündigt. Hauptdarstellerin: Henny Porten, nach der heute eine Straße in Buckau benannt ist.

Die alte Zeitung hat Eleonore Horn der Volksstimme geschenkt. "Da ist sie in guten Händen", sagt sie. Für die Magdeburgerin gehört die Zeitungslektüre nach wie vor zum täglichen Pflichtprogramm nach dem Frühstück.