Magdeburg l Wischeimer statt Handy. Reinigungsmittel statt Schultasche. Putzlappen statt Schulheft. Als gestern Nachmittag mehrere Dutzend Schüler der Sekundarschule Leben Lernen von ihrem Gebäude in der Liebknechtstraße in die Nachbarschaft ausschwärmen, sind sie ungewöhnlich ausgerüstet. Ihr Ziel: Stolpersteine im Stadtteil. Diese kleinen messingfarbenen Pflastersteine erinnern seit Jahren in Magdeburg an jüdische Familien, die in der Nazi-Zeit ums Leben kamen. Auch in der Lessingstraße 68 sind vier dieser Stolpersteine in den Boden eingelassen.

Steine erinnern an eine Stadtfelder Familie

Als die Schüler Nick Moldenhauer, Tom Clemens, Ben Erbig und Robin Müller mit ihrer Lehrerin Monika Heydecke dort gestern eintreffen, sind die Stolpersteine kaum noch zu erkennen. Doch das ändert sich binnen weniger Minuten. Eifrig scheuern und wischen die Siebtklässler, bis die beschrifteten Steine wieder blitzen und zum Stolpern - sprich Innehalten - einladen. "Ich möchte gern noch mehr über den Zweiten Weltkrieg erfahren und wissen, wie das alles passieren konnte", sagt Robin Müller. Der Schüler ist Mitglied einer schulischen Arbeitsgemeinschaft, die sich mit der Geschichte Magdeburger Juden befasst, die in der Nazizeit aus Magdeburg verschwanden und umkamen. Lehrerin Monika Heydecke leitet diese Arbeitsgemeinschaft: "Wir haben uns schon im vergangenen Jahr an den Aktionen rund um den 16. Januar beteiligt und tun dies auch in diesem Jahr. Die Schüler haben recherchiert und haben sich mit den Lebensläufen der jüdischen Opfer beschäftigt."

In der Lessingstraße 68 wird an die Familie Singer erinnert. Die vier Familienmitglieder erlitten das Schicksal wie so viele Juden: Sie wurden deportiert und schließlich ermordet. Drei von ihnen in Auschwitz, einer in Majdanek. Daran erinnern wenig später auch die Schüler. Während einer kurzen Gedenkminute tragen sie Kurzgeschichten über die Familie vor. Damit erreichen sie schon einen ersten Erfolg. Einige Passanten werden auf die Stolpersteine aufmerksam.

Viele Schüler sind auch bei der Meile dabei

Die Aktion der Sekundarschule am Montag war zugleich der Auftakt für die Putzwoche. Kinder und Jugendliche aus mehreren Magdeburger Schulen werden bis zum 16. Januar zahlreiche der insgesamt 140 Standorte von Stolpersteinen pflegen. Getragen wird diese Aktion entscheidend von den Schulen "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Dazu gehört auch die Sekundarschule Leben Lernen.

Insgesamt gibt es in der Stadt über 140 Orte, an denen sich Stolpersteine befinden. Alle Schulen der Stadt sind deshalb aufgerufen, sich dieser Aktion anzuschließen. Es geht darum, gemeinsam ein deutliches Zeichen zum Umgang mit der Geschichte unserer Stadt zu setzen und die Opfer des Nationalsozialismus ins Gedächtnis zu rufen, sagte Cornelia Habisch - Geschäftsführerin des Netzwerks Schulen ohne Rassismus.

Die meisten Schüler sehen sich dann außerhalb der Schule am kommenden Sonnabend wieder. Viele der "Stolperstein"-Putzer sind auch bei der Meile der Demokratie am 17. Januar auf dem Breiten Weg dabei.