Magdeburg l Ob Wohnung oder Weg zum Amt: Je nach Art der Behinderung ist es für die Magdeburger Behinderten schwierig, den Alltag ganz nach Wunsch zu gestalten. Der Magdeburger Behindertenbeauftragte Hans-Peter Pischner fasst zu Themen wie öffentlicher Nahverkehr, Arbeitsmarkt und Inklusion die aktuelle Lage in Magdeburg zusammen.

Anerkennung
Im Bundesdurchschnitt werden von 1000 Menschen 94 als schwerbehindert anerkannt, in Sachsen-Anhalt nur 75. "Aus Gesprächen mit Betroffenen kann ich schlussfolgern, dass das Land mit der Anerkennung einer Schwerbehinderung sehr zögerlich umgeht, Ob das so gewollt ist, weiß ich nicht", sagt Pischner.

Arbeitsmarkt
Im Oktober 2014 waren 447 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet. "In den Vorjahren waren es meist zwischen 500 und 600", weiß Pischner. Allerdings: "Zwei Drittel von ihnen leben von Arbeitslosengeld II, so dass wenig Geld da ist für Umbauten und Anschaffungen." In solchen Fällen sei vielfach nicht die Behinderung selbst das Problem, sondern die soziale Bedürftigkeit.

Arztpraxen
Dass viele Arztpraxen nicht barrierefrei zugänglich sind, wird in der städtischen Arbeitsgruppe "Menschen mit Behinderungen" immer wieder kritisiert. Ein bekanntes Negativbeispiel ist nach wie vor das Ärztehaus am Tränsberg, wo zwei Stufen Menschen mit Rollstuhl, Krücken oder Rollator das Leben schwer machen.

Inklusion
Der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung an allgemeinbildenden Schulen hat 2014 Fortschritte gemacht. 489 von 1561 Schülern mit Förderbedarf nehmen daran teil, das sind 64 mehr als im Vorjahr. Allerdings lernen auch 116 Mädchen und Jungen an der Förderschule für Körperbehinderte unter nicht zeitgemäßen Bedingungen. Pischner sagt dazu: "Ich würde mir wünschen, dass mehr körperbehinderte Schüler die Regelschulen besuchen. Natürlich vorausgesetzt, Ausstattung und Personalzahl lassen das zu."

Kreuzungen und Ampeln
Besonders wichtig für Menschen mit Sehbehinderungen: Nur 104 der 235 Ampeln an Kreuzungen und Übergängen sind mit einem Tonsignal ausgestattet, das es Blinden erlaubt, ohne Hilfe die Straße zu überqueren. Die meisten Leitstreifen sind laut Pischner zu alt und mit zu schmalen Rippen versehen. "Da würde ein Austausch Abhilfe schaffen", meint Pischner.

Straßenbahn und Bus
"Da hätte ich noch einige Wünsche", sagt Pischner. Optimal wäre es zum Beispiel, wenn an Straßenbahnen und Bussen per Außenlautsprecher verkündet würde, welche Linie denn da tatsächlich gerade vorfährt. "Manches ist auch nicht zu Ende gedacht - am Neustädter Bahnhof sind die Haltestellen für Busse erst neu gestaltet worden.

Auf der Haltestelleninsel gibt es neben den normalen Fahrplänen auch eine Möglichkeit für Sehbehinderte, sich auf Knopfdruck ansagen zu lassen, welche Linien abfahren. Allerdings fehlen die Leitstreifen, mit Hilfe derer Sehbehinderte auf die Insel finden können", erklärt Pischner.

Viele Haltestellen für Bus und Bahn sind auch nach wie vor nicht behindertengerecht gebaut. Beispiel Halberstädter Straße: Für Rollstuhlfahrer ist es dort besonders schwierig, weil nur die wenigsten Haltestellen barrierefrei sind. Doch bei aller Kritik: Bei sanierten und neuen Haltestellen am Dom, Zoo oder in der Otto-von-Guericke-Straße sind die Bedürfnisse behinderter Menschen berücksichtigt worden.

Wohnen
Für Menschen mit Behinderungen müsste es laut Pischner mehr ausreichend große, bezahlbare Wohnungen geben. "Eine Wohnung muss eben eine bestimmte Größe haben, damit man sich mit dem Rollstuhl oder Rollator ordentlich bewegen kann", sagt er.

Zu einer komplett barrierefreien Wohnung gehört auch ein ebenerdiger Zugang zum Hausflur, ein Aufzug und neben den ausreichend großen Räumen Küche und Bad ohne Stolperfallen und mit angepassten Waschbecken.

Die Zusammenarbeit mit den Magdeburger Wohnungsbaugenossenschaften sei gut, "da gibt es selten Probleme", so Pischner.

Wunschkonzert
Um die möglichen Hilfegesuche und -angebote bündeln zu können, wünscht sich Pischner ein Pflegenetzwerk. In diesem sollen idealerweise ehrenamtliche und kommerzielle Helfer zusammen mit den Behinderten Lösungen für den Alltag finden.

Fazit
Pischners Zusammenfassung ist zwiespältig: "Positiv sind die Fortschritte in der schulischen Inklusion und im gemeinsamen Unterricht, auf dem Arbeitsmarkt und beiden barrierefreien Bauprojekten. Offene Wünsche bestehen gegenüber den MVB und der Infrastruktur für Blinde und Sehbehinderte an Haltestellen und Übergängen." Aber: "In Sachsen-Anhalt mit einer Behinderung leben zu müssen, ist kein Zuckerschlecken."

   

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