Magdeburg l Der im Februar von der Hochschule Karlsruhe auf der Bildungsmesse "Learntec" verliehene "EureleA Didaktik Award 2014" war für die drei jungen Männer schon etwas Besonderes. Schließlich haben sie unter den sieben Finalisten des Wettbewerbs Mitbewerber wie McDonald`s Deutschland (ein Programm zur Ausbildung von Schichtführern) und die Siemens Stiftung (ein Medienportal) aus dem Rennen geschlagen. Gelungen ist ihnen das mit einer Mathematik-App (Mini-Programm) für Smartphones und Tablets, die Studenten Mathe-Nachhilfe bieten will.

App-Hilfe für 2500 Aufgaben in 500 Theorieblöcken

"Auf die Idee sind wir bei der Seminararbeit mit Erstsemestern an der Universität Leipzig gekommen", erzählt der gebürtige Wolmirstedter Stephan Claus. Nicht allein die Lösung von Aufgaben, sondern das Verständnis für das System der Lösungskonzepte sollte bei einem interaktiven Computerprogramm im Mittelpunkt stehen.

Gemeinsam mit seinen beiden Freunden, Robert Koschig (ebenfalls Mathematiker) und Christopher Heymann (Informatiker), begann er an der Uni in Leipzig 2012 mit der Programmierung der App "Massmatics".

Im Sommer 2012 ging die erste Version online. Inzwischen wurde das Programm stetig verbessert. Es gibt mittlerweile Versionen für iOS, seit Herbst 2013 auch für Android und eine Schnittstelle im Internet für Computer. "Die Datenbank umfasst eine Größe von vergleichsweise 15000 DIN-A4-Seiten. 2500 Aufgaben sind in 500 Theorieblöcke unterteilt", erklärt Stephan Claus.

Auf 58000 Downloads blickt die App bislang zurück, etwa 5000-mal wurde die englischsprachige Version in den USA heruntergeladen. Für die drei Studenten lohnt sich die Nachhilfe-App inzwischen auch finanziell.

Jeweils 5000 Euro haben die drei Studenten in den Aufbau ihrer Mathe-App investiert. Gemeinsam gründeten sie eine GmbH UG (haftungsbeschränkt). Die App selbst ist zwar kostenlos, bezahlen müssen Kunden nach 100 freien Testaufgaben aber zwei Cent pro Aufgabe. Claus: "Inzwischen könnte einer von uns von der App leben. Etwa jeder zehnte Kunde nutzt auch kostenpflichtige Angebote."

Das Aufgabenfeld und die Inhalte von "Massmatics" sind gemeinsam mit der Hochschule Offenburg auf der Grundlage von Aufgaben-Vorgaben des Kultusministeriums Baden-Württemberg erstellt worden. Claus: "Dort, an der TU Chemnitz, am IQ Technikum in Bremen und einigen anderen Einrichtungen wird die App inzwischen im Lehrbetrieb als Unterrichtsmittel eingesetzt."

Professoren können zum Beispiel Statistiken über die Selbstlernphasen ihrer Studenten abrufen. "Das hilft dabei, den Lehrbetrieb besser an die tatsächlichen Bedürfnisse der Studenten anzupassen", so der Wolmirstedter. Zukünftig sollen Professoren auch Klausuren direkt an die App schicken können. Geplant sind auch kleine Mikro-Learning-Kurse für die Mathe-Übung in der Straßenbahn zwischendurch.

Vorsemesterprogramme und Mentoren für Studenten

Das große Bedürfnis nach Mathe-Nachhilfe können Universität und Hochschule in Magdeburg nachvollziehen. Beide Einrichtungen bieten selbst Vorsemesterprogramme an und organisieren Mentoren für Studenten. Mathe-Prüfungen müssen zum Beispiel in Studienrichtungen der Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften abgelegt werden.

Prof. Alexander Pott, Dekan der Mathematik-Fakultät an der Otto-von-Guericke-Universität, schätzt, dass je nach Jahrgang zwischen 30 und 50 Prozent der Erstsemester durch die Matheprüfung rauschen. "Diese hohe Quote sinkt aber bei den Nachprüfungen sehr deutlich. Beim dritten Mal fällt nur noch eine Anzahl im einstelligen Prozentbereich durch", sagt er.

Schuld an den schlechten Mathe-Ergebnissen sei aus seiner Sicht weniger die unzureichende Schulausbildung. Pott: "Das eigenverantwortliche Lernen beim Schritt an die Universität will gelernt sein. Das dauert bei der Mathematik etwas länger." Eine Mathe-App findet der Professor eine gute Idee. "Pott: "Aber niemand sollte glauben, seine Matheprobleme nebenbei am Smartphone beim fernsehen in den Griff zu bekommen."

In einer Stichprobe an der Hochschule Magdeburg-Stendal unter 70 Maschinenbau-Studenten, die ab 2009 dort studiert haben, ermittelte die Hochschule auf Volksstimme-Nachfrage diese Durchfallquoten: Erste Prüfung "Mathe 1" 70 Prozent bestanden, dann 77 Prozent bei der Nachprüfung. "Mathe 2" bestanden 85 Prozent, "Mathe 3" sogar 93 Prozent.

Unzureichendes Wissen in der Elementarmathematik

Mathematik-Professor Ulrich Kaftan vom Institut für Maschinenbau der Hochschule sieht durchaus eine Mitverantwortung der Schulen am schlechten Abschneiden der Erstsemester: "Ein großer Teil der Studienanfänger verfügt über ein unzureichendes Wissen in der Elementarmathematik. Studenten scheitern an der höheren Mathematik, weil Grundlagen der Schulmathematik als Handwerkszeug unzureichend beherrscht werden." Die geschilderten Mathematikprobleme seien jedoch keine Einzelerscheinung in Sachsen-Anhalt.

Dies bestätigt eine Erhebung des Bundesamtes für Statistik. Danach brachen 2010 mehr als ein Drittel der Naturwissenschaft-Studenten ihr Studium ab. Das sind deutlich mehr als in anderen Fachrichtungen.

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