Volkskrankheit Karies

Karies ist die häufigste chronische Erkrankung bei bis zu Sechsjährigen und trete 20-mal häufiger auf als Allergien, so die kassenzahnärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt.

11,3 Prozentder Kleinkinder(1-3 Jahre) im Land waren im Schuljahr 2012/13 an Karies erkrankt. Drei Jahre vorher waren es noch 12,6 Prozent - aus Arztsicht Anzeichen für erste Erfolge in der Bekämpfung.

Bundesweit schwankt die Zahl der erkrankten Kinder zwischen 10 und 15 Prozent. Flächendeckende Studien gibt es nicht, dafür große Unterschiede: In Emden hatte 2009 jedes fünfte Kleinkind Karies, in Marburg waren es nur sieben Prozent.

Magdeburg l Schwarze Stummel, Fisteln, Abzesse: Was Zahnärzte im Mund von Kleinkindern sehen, ist zunehmend besorgniserregend. Mit drei Jahren hat jedes fünfte Kind in Sachsen-Anhalt Zahnpro-bleme, mit fünf Jahren bereits 43,6 Prozent, ergaben Untersuchungen der Gesundheitsämter. Die Folge: Die Zahnärzte müssen schon bei Kleinkindern Füllungen machen, in schlimmen Fällen sogar Zähne ziehen und winzige Zahnwurzeln füllen.

Der Kariesbefall in der Bevölkerung gehe allgemein zurück. "Sachsen-Anhalt steht in Sachen Zahngesundheit gut da - mit Ausnahme der Ein- bis Dreijährigen", warnt Dieter Hanisch, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt.

"Karies im Kleinkindalter schädigt das Gebiss ein Leben lang."
Dieter Hanisch, Kassenzahnärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

Schlechte Zähne seien vor allem ein Problem in sozial schwachen Familien. Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde zufolge haben in sozialen Brennpunkten bis zu 40 Prozent der Kleinkinder Karies. Schuld, so Hanisch, sind in den meisten Fällen süße Getränke und andauerndes Nuckeln - aber auch die Unwissenheit mancher Eltern. Weit verbreitet sei die Meinung, Schäden an den Milchzähnen seien nicht schlimm - sie würden ja eh wieder ausfallen. Doch weit gefehlt: Karies im Kleinkindalter schädigt das Gebiss ein Leben lang. Für Patienten schmerzhafte und Krankenkassen teure Behandlungen sind die Folge. Mittlerweile würden 40 Prozent aller Kinder kieferorthopädisch behandelt - zu DDR-Zeiten seien es lediglich zehn Prozent gewesen. Abhilfe könnten frühzeitige Untersuchungen schaffen. Doch während Zahnbehandlungen von jeder Kasse bezahlt werden, dürfen Kinder bisher erst mit zweieinhalb Jahren zur Vorsorge in die Praxis kommen.

Den Kassenzahnärzten in Sachsen-Anhalt reicht das nicht mehr. Um die Vorsorgelücke zu schließen, haben sie gemeinsam mit der Ersatzkasse Barmer GEK ein in Ostdeutschland bislang einmaliges Vorsorgeprogramm aufgelegt: Zwischen dem 6. und dem 30. Monat dürfen die rund 4000 über die Barmer GEK familienversicherten Kleinkinder mit ihren Eltern zweimal den Zahnarzt besuchen. Er untersucht die Kinder auf Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten, schätzt das Kariesrisiko ein, berät die Eltern zu Ernährung und Mundhygiene und behandelt geschädigte Zähne bei Bedarf mit Flouridlack - ohne gleich zu bohren.

"Uns geht es aber auch darum, die Kinder an den Zahnarztbesuch zu gewöhnen und Vertrauen aufzubauen", sagt Dieter Hanisch. Die Kinder müssten die Zahnärzte frühzeitig kennenlernen, nicht erst bei Zahnschmerzen.

"Im Alter müssen oft Dinge begradigt werden, die in der Kindheit durch Unachtsamkeit gelegt wurden", sagt Barmer GEK-Landesgeschäftsführer Axel Wiedemann. Für ihn ist die Auflage des Vorsorgeprogramms auch eine kaufmännische Entscheidung: Wenn die Kinder rechtzeitig zur Vorsorge gehen und später als Jugendliche oder Erwachsene weniger Behandlungen brauchen, spare das den Kassen reichlich Geld.

Beispiel: Die beiden Vorsorgeuntersuchungen kosten pro Kind 60 Euro. Eine spätere kieferorthopädische Behandlung würde für die Kasse mit 3000 bis 12000 Euro zu Buche schlagen. Wiedemann forderte die anderen Krankenkassen auf, ebenfalls ins Programm einzusteigen - im Interesse der Kinder.

Und für Dieter Hanisch hat die Aktion noch einen weiteren Vorteil: "Wenn Kleinkinder medizinisch ordentlich versorgt werden, steigt auch die Attraktivität Sachsen-Anhalts."

 

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