Volksstimme: Warum sind Jugendliche in einen Jugendwerkhof gekommen?
Heinz S.: Das waren häufig Kinder, die in der Gesellschaft auffielen, etwa durch Schulbummelei oder Diebstähle. Manche sind auch von zu Hause weggelaufen.
Dorothea I.: Es kamen Kinder aus Familien, mit denen die Leute dort nicht mehr fertig wurden. Die haben zum Beispiel die Schule abgebrochen. Manche waren "auf Walze", also sind abgehauen. Manche waren leicht kriminell.

Gab es auch politisch motivierte Einweisungen?
Heinz S.: Nach der Wende kam raus, dass viele aus Familien kamen, die Ausreiseanträge gestellt hatten oder die nicht gesellschafts-konform lebten.
Ines K.: Ich hatte Mädchen in der Gruppe, die hatten keine Eltern mehr. Die waren nicht schwer erziehbar. Die hätte nie im Werkhof landen dürfen. Aber man wusste nicht wohin. Die hatte keine Verwandtschaft mehr.
Dorothea I.: Es gab welche, die durften zu ihrem Onkel oder Vater keinen Kontakt haben. Aber mal abgesehen von der politischen Richtung: manchmal hat man sich schon gefragt: warum ist der oder die hier?

Wie sah der Alltag im Jugendwerkhof Burg aus?
Heinz S.: Morgens wurden die Jugendlichen geweckt, so gegen sechs. Dann gab es Frühsport und Hausreinigung und ein gemeinsames Frühstück im Speisesaal. Dann wurden die Jugendlichen mit Bussen abgeholt und zur Arbeit in die Betriebe gebracht. Am Nachmittag gegen vier Uhr kamen sie zurück. Und dann war Freizeit, danach gab es ein gemeinsames Abendessen. Und danach gab es gruppentypische Sachen. Dazu gehörte auch, dass man mit den Jugendlichen die "Aktuelle Kamera" schauen musste. Das war vorgeschrieben.
Ines K.: Ich habe bei den Schichtgruppen gearbeitet. Da war vier Uhr wecken. Danach ging es dann zum Waschen, Bettenmachen, Stuben- oder Revierreinigung, Frühstück und dann ging es auf Arbeit, je nachdem, wo die Jugendlichen dann eingeteilt waren. Am Nachmittag kamen sie dann zurück. Und dann war noch die Gruppenauswertung. Da wurde dann in der Gruppe der Tag besprochen, was gut geklappt und was weniger gut geklappt hat. Dann war noch Näh- und Flickstunde.

Ein geregelter Tagesablauf vom Aufstehen bis zum Schlafen gehen

Was gab es denn für Freizeitaktivitäten?
Heinz S.: Ganz viel Sport. Volleyball, Tischtennis, Fußball.
Ines K.: Sie konnten sich in verschiedenen Sport-AGen anmelden, beim Chor oder Fanfarenzug. Der war sehr beliebt. Die hatten öffentliche Auftritte in der Stadt.
Dorothea I.: Es gab aber auch den Chor oder Laienspiel.

Wie waren denn die Reaktionen der Menschen in Burg, wenn die Jugendlichen aus dem Werkhof mit dem Fanfarenzug spielten?
Heinz S.: Es war schon so, dass ein gewisser Stempel da war. Man spürt das heute noch. Vor allem, bei den älteren Leuten. Wenn die "Gut Lüben" hören oder "Parchauer Chaussee", verbinden die das heute noch mit Jugendwerkhof und den schwer erziehbaren Jugendlichen.

Die Jugendlichen sollen nachts in den Häusern, wo sie mit ihren Gruppen untergebracht waren, alleine und eingeschlossen gewesen sein. Stimmt das?
Heinz S.: Ja. Das ist auch einer der größten Vorwürfe, die man sich machen muss. Es gab zwar auch Nachtwachen, zwei oder drei, die in der Pforte saßen und Rundgänge gemacht haben. Aber ich glaube, das Ausmaß dessen, was hier nachts unter den Jugendlichen passiert ist, das kennen wir bis heute nicht.
Ines K.: Ich bin mal früh in die Gruppe gekommen, da kam mir einer entgegen mit einem blauen Auge. Ich fragte ihn, was er gemacht habe, da hat er geantwortet: Ich bin in der Nacht in den Keller gegangen und da standen unsere Gartengeräte und da bin ich aus Versehen auf die Harke getreten. Naja, wir haben es dann gemeldet. Wir haben es auch rausgekriegt: der hatte Gruppenkeile gekriegt.
Dorothea I.: Die waren nachts allein und natürlich ist da viel passiert. Und ich denke, dass man nur einen Teil davon mitgekriegt hat, wenn überhaupt. Aber irgendwelche Anzeichen gab es ja dann am Tag auch. Ich weiß aus den Jungengruppen, dass da Sachen passiert sind wie Zigarettenausdrücken auf dem Körper eines anderen. Gegenseitiges Foltern. Manche waren wirklich brutal. Auch Mädchen.

Nachts blieben die Türen verschlossen

Konnten Sie denn nicht eingreifen?
Dorothea I.: Es hat sich ja kaum jemand dem Erzieher anvertraut. Stellen Sie sich mal vor, da hätte einer gepetzt. Wenn der Erzieher abends nach Hause gegangen wäre, kaum auszudenken, was demjenigen passiert wäre. Wir haben das mitgekriegt, konnten aber nichts machen. Manchmal konnte man auch den ein oder anderen verlegen. Das ging auch.
Heinz S.: Die Situation ist ähnlich wie im Fernsehen in einem Gefängnis. Wenn da einer geschlagen wird, erzählt der das nicht. Und so war es hier auch. Die haben gesagt: Ich bin gestürzt, so in der Art. Wir haben schon versucht, dem nachzugehen und zu schauen, was passiert ist. Aber das war sehr schwer. Die haben zusammengehalten. Selbst die, die es erwischt hat, die haben aus Angst nichts gesagt. Die waren ja in der nächsten Nacht wieder allein.
Ines K.: Ja, das war ganz schlimm. Und wir haben versucht, da Ruhe reinzubringen. Mein Kollege hat sich auf die Lauer gelegt, aber irgendwie haben die Nachtwachen jedes Mal gequatscht, wenn wir gesagt haben, wir machen Kontrollen. Die Jugendlichen wussten das jedes Mal, die Nachterzieher konnten ihre Klappe nicht halten.

Gab es Übergriffe von Erziehern auf Jugendliche?
Heinz S.: Es gab sicher sehr strenge Leute, die unterschiedliche Arten hatten, auf die Jugendlichen zuzugehen. Aber von Übergriffen weiß ich nichts.
Dorothea I.: Ich habe mal im Jugendwerkhof Hummelshain ein Praktikum gemacht. Dort wurde geschlagen. Ich kann mich hier in Burg gar nicht erinnern, dass Erzieher Jugendliche geschlagen haben. Zumindest hatte das hier nicht Methode und war auch nicht erlaubt.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es so schwierig ist, über die Zeit im Jugendwerkhof zu erzählen?
Heinz S.: Ich denke, dass das mit einem schlechten Gewissen zu tun hat, von der Erzieherseite. Ich persönlich sage ganz klar: Dass wir die Jugendlichen nachts alleine gelassen haben, war das Schlimmste, was wir angerichtet haben. Ich habe zwar keinen direkten Einfluss darauf gehabt. Ich konnte es auch nicht abschaffen, aber ich bin hierhergekommen und habe das genauso übernommen, wie es war. Da gibt es schon ein paar Momente, für die ich mich schäme.
Dorothea I.: Ich denke das kommt daher, dass über diese Zeit einseitig berichtet wurde. Wenn man über Werkhof spricht, dann spricht man über unhaltbare Zustände und meistens meint man Torgau. Damals waren Heimkinder immer Schmuddelkinder. Da hat keiner gern drüber gesprochen. Und heute wahrscheinlich noch weniger. Es gab übrigens im Westen drüben auch Heime, die waren nicht viel besser. Da wurde auch sehr viel geschlagen – ich glaube, dass die sich alle verkriechen.

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Vier Jahrzehnte lang war der Jugendwerkhof Burg der größte in der DDR. Knapp 12.000 wurden hier bis 1989 eingewiesen.

  • Viele Erinnerungsstücke sind noch erhalten geblieben.

    Viele Erinnerungsstücke sind noch erhalten geblieben.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Viele Erinnerungsstücke sind bis heute erhalten geblieben.

    Viele Erinnerungsstücke sind bis heute erhalten geblieben.
    Quelle: Tanja Andrys

  • In der einstigen Arrestzelle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg hat Heidemarie Puls sogar noch ein altes Holzbett gefunden. Tagsüber musste das Bett an die Wand geklappt werden.

    In der einstigen Arrestzelle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg hat Heidemarie Puls sogar noch e...
    Quelle: Tanja Andrys

  • In der alten Küche ist sogar noch das Mobiliar vorhanden.

    In der alten Küche ist sogar noch das Mobiliar vorhanden.
    Quelle: Tanja Andrys

  • In der alten Küche ist noch alles da.

    In der alten Küche ist noch alles da.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Blick auf die alte Näherei.

    Blick auf die alte Näherei.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Aus dem ehemaligen Speiseraum ist heute ein Mehrzweckraum geworden.

    Aus dem ehemaligen Speiseraum ist heute ein Mehrzweckraum geworden.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Immer im Gleichschritt. Heidemarie Puls funktioniert immer noch. Nach über 35 Jahren marschiert sie sofort los, als sie vor dem einstigen Speiseraum steht. Die Jugendlichen mussten früher in Reih und Glied zum gemeinsamen Essen marschieren.

    Immer im Gleichschritt. Heidemarie Puls funktioniert immer noch. Nach über 35 Jahren marschier...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Auch in der alten Bäckerei scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

    Auch in der alten Bäckerei scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Volkseigener Betrieb Jugendwerkhof Burg

    Volkseigener Betrieb Jugendwerkhof Burg
    Quelle: Tanja Andrys