Die unabhängige Stimme der Wissenschaft

Bernd-Alois Tenhagen ist 48 Jahre alt und von Beruf Tierarzt und Epidemiologe. Er befasst sich in Berlin am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Nationalen Referenzlabor für Antibiotikaresistenz unter anderem mit dem Vorkommen und der Verbreitung von resistenten Bakterien bei Tieren und in der Lebensmittelproduktion.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung ist eine wissenschaftliche Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Es berät die Bundesregierung und die Bundesländer zu Fragen der Lebensmittel-, Chemikalien- und Produktsicherheit. Die Behörde tritt als unabhängige Stimme der Wissenschaft auf und beschäftigt 750 Mitarbeiter.

Volksstimme: Herr Tenhagen, gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Antibiotika-Verbrauch in der Tiermast und der Zunahme von Keimen, die dem Menschen gefährlich werden?
Bernd-Alois Tenhagen: Wir setzen in Deutschland relativ viele Antibiotika in der Tierhaltung ein. Dadurch züchten wir in den Tierbeständen multiresistente Keime heran. Wir behandeln aber auch Menschen mit Antibiotika, so dass sich auch bei ihnen solche Keime bilden können. Es kann also vorkommen, dass ein resistenter Keim vom Tier über Lebensmittel oder direktem Kontakt zum Menschen gelangt und dann von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Umgekehrt können Keime auch vom Menschen zu den Tieren gelangen. Wir wissen nur nicht, welcher Anteil von resistenten Keimen, die dem Menschen gefährlich werden können, auf den Antibiotika-Verbrauch in der Tiermedizin zurückzuführen ist. Wir gehen aber fest davon aus, dass es einen Anteil gibt.

Über welche Wege kann sich der Mensch mit multiresistenten Keimen aus dem Stall grundsätzlich infizieren?
Es gibt zwei wesentliche Wege: Der eine betrifft vor allem die Berufsgruppen, die mit Tieren arbeiten. Also Landwirte, Tierärzte, Viehhändler, Schlachter - alle, die mit Nutztieren zu tun haben. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Keime, die ein Landwirt im Darm trägt, ganz ähnlich den Keimen sind, die ein Schwein im Darm trägt.

Der zweite Übertragungsweg betrifft die Verbraucher und führt über die Lebensmittel. Das wissen wir von krankmachenden Keimen wie Salmonellen. Viele Salmonellen-Infektionen sind in der Vergangenheit verbunden gewesen mit kontaminierten Hühnereiern oder Fleisch. Deshalb können wir vermuten, dass auch einige multiresistente Keime über Lebensmittel übertragen werden können.

Wie häufig lassen sich gefährliche Keime im Fleisch von Schweinen, Rindern und Geflügel finden?
Fleisch ist nie ein keimfreies Produkt - es sei denn, es wurde gekocht. Wir müssen immer davon ausgehen, dass wir auf Fleisch, das etwa in einer Fleischtheke offen daliegt, Keime finden. Die meisten Keime sind völlig harmlos, wir würden sie auch nicht bemerken, wenn wir sie verzehren. Bakterien wie Campylobacter, die Durchfall hervorrufen, oder Salmonellen, die Magen-Darm-Erkrankungen auslösen können, gibt es aber eben auch. Selten kommen sie bei Rind- und Schweinefleisch vor, bei Geflügel-Fleisch dagegen häufiger. 20 bis 30 Prozent der Proben, die im Einzelhandel angeboten werden, enthalten Campylobacter. Vier bis acht Prozent der Proben enthalten Salmonellen. Nicht alle diese krankmachenden Keime sind auch resistent, ein Teil ist es aber. Andere Keime machen den Menschen selbst nicht krank, können aber die Resistenzeigenschaften auf Keime beim Menschen übertragen.

Wie kann der Verbraucher die Ansteckung mit krankmachenden Keimen vermeiden?
Das Zauberwort heißt Küchenhygiene. Das heißt, wenn ich rohes Fleisch kaufe, sollte ich es möglichst wenig anfassen. Wenn ich es anfasse, muss ich hinterher die Hände waschen. Das gilt auch für die Arbeitsgeräte. Messer, die ich zum Aufschneiden genutzt habe, sollte ich anschließend ordentlich reinigen. Ich sollte das Fleisch auch nur gut durchgegart verzehren, wenn ich ganz sicher gehen will. Rohes Hackfleisch zum Beispiel ist immer ein Risiko-Produkt. Trotz aller Bemühungen der fleischverarbeitenden Industrie, Keime zu vermeiden, können Salmonellen und Campylobacter immer noch vorkommen.

Ich gehöre zwar auch zu jenen, die Mettbrötchen gerne essen, aber das grundsätzliche Risiko bleibt immer bestehen. Das muss man mit sich selbst ausmachen, ob man das Risiko tragen möchte. Ich würde Mettbrötchen allerdings nicht kleinen Kindern oder der kranken Oma anbieten.

Wichtig ist außerdem, dass man vermeidet, die Keime vom Fleisch auf andere Lebensmittel zu übertragen. Wenn ich erst einen rohen Hähnchenschenkel mit der Hand anfasse und anschließend auf einem Brett Tomaten für den Salat schneide, kann ich die Keime vom Fleisch auf die Tomaten übertragen - wenn ich mir zwischendurch nicht die Hände wasche. Die gebotene Vorsicht, mit der Verbraucher Lebensmittel handhaben sollten, entbindet natürlich nicht die fleischverarbeitende Industrie von ihrer Pflicht, dafür zu sorgen, dass möglichst wenig gefährliche Keime auf dem Produkt sind.

Was muss sich bei der Produktion ändern? Wäre es nicht sinnvoll, weniger Antibiotika an Nutztiere zu verfüttern, um das Entstehen multiresistenter Keime zu verringern?
Mittlerweile sind sich alle Seiten darüber einig, dass der Verbrauch gesenkt werden muss. Strittig ist, in welchem Maß und auf welche Weise. Aus meiner Sicht ist zunächst die vorbeugende Gesunderhaltung der Tierbestände wichtig.

Landwirte müssen dafür sorgen, dass ihre Tiere gar nicht erst krank werden. In der Vergangenheit haben sie für die Gesundheit auch schon viel getan. Der Fortschritt ermöglicht aber auch, dass Tiere in immer größeren Gruppen gehalten werden, wodurch wieder neue Anforderungen an die Gesundheitsvorsorge der Bestände bestehen.

Rechnen sich kleine Betriebe mit hohen Gesundheits-Standards für Landwirte?
Mit einzelnen Tieren verdienen Landwirte heute kein Geld mehr. Sie brauchen schon eine gewisse Anzahl von Tieren, um betriebswirtschaftlich zu überleben, weil der Gewinn pro Tier zu klein ist. Der Einsatz von Antibiotika im Krankheitsfall ist kurzfristig für den Landwirt oft billiger als Investitionen in einen besseren Stall, z.B. ein modernes Lüftungssystem.

Könnte der Verbraucher weniger Antibiotika im Fleisch erwarten, wenn er dafür höhere Preise zahlt?
Das Argument, das auch der Bauernverband immer anführt, greift allein zu kurz. Es mag sein, dass der Preisdruck auf Fleisch für Landwirte sehr hoch ist. Aber auch Landwirte würden, wenn die Preise für ihre Produkte steigen, nicht alle zusätzlichen Gewinne sofort in die Gesundheitsvorsorge der Tiere investieren. Sie hätten aber immerhin die Möglichkeit dazu. Auch die Landwirte haben ein Interesse daran, dass ihre Tiere gesund sind. Denn kranke Tiere wachsen in der Mast langsamer heran.

Wie lässt sich dann aus Ihrer Sicht der Antibiotika-Verbrauch in der Landwirtschaft sinnvoll reduzieren?
Seit Anfang April verfolgen die Bundesländer einen Ansatz, der durchaus funktionieren kann. Sie sind dabei, den Antibiotika-Verbrauch zunächst einmal systematisch zu erfassen. Wenn die Daten dann vorliegen, können sie jene Betriebe, die überdurchschnittlich viele Antibiotika einsetzen, dazu anhalten, den Verbrauch zu senken. Die Betroffenen werden dann nicht umhinkommen, mehr in die Gesundheitsvorsorge ihrer Nutztiere zu investieren. In Dänemark funktioniert ein ähnlicher Ansatz bereits. Auch dort ist es so, dass jene Betriebe, die überdurchschnittlich viel Antibiotika verbrauchen, entsprechend gemaßregelt werden. Das hat den Vorteil, dass von keinem etwas verlangt wird, das nicht auch seine Berufskollegen leisten.

Nun gibt es verschiedene Antibiotika - und damit eine Debatte um die Frage, welche in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen sollten: Jahrzehntealte Präparate, die wegen ihrer schwachen Wirkung über einen längeren Zeitraum verabreicht werden müssen oder neue Präparate, die wegen ihrer starken Wirkung über kurze Zeiträume gegeben werden - wofür plädieren Sie?
Ich plädiere dafür, dass Landwirte und Tierärzte die alten Wirkstoffe nehmen sollten, soweit das eben möglich ist. Denn wir haben eine große Überschneidung zwischen den Wirkstoffen, die wir beim Menschen einsetzen, und den Wirkstoffen, die wir bei den Tieren anwenden. Und da sollten wir dafür sorgen, dass die modernen, wirksamen Mittel für den Menschen reserviert bleiben.

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