Welterbe in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt ist das Bundesland mit den zweitmeisten Welterbestätten. Derzeit sind dies:

Stiftskirche St. Servatius, Schloß und Altstadt von Quedlinburg (seit 1994)

Die Bauhausstätten in Dessau (seit 1996)

Martin-Luther-Gedenkstätten in Eisleben und Wittenberg (seit 1996)

Gartenreich Dessau-Wörlitz (seit 2000)

Der Weg bis zum Titel:

1. Die Kultusminister der Bundesländer einigen sich auf eine Vorschlagsliste mit Kandidaten. Naumburg steht seit 1998 auf dieser Liste.
2. Nacheinander werden aussichtsreiche Stätten der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, der Unesco, vorgelegt.
3. Die Unesco prüft durch eine unabhängige Jury, ob der Antrag den Bedingungen genügt. So müssen Welterbestätten einzigartig, authentisch und unversehrt sein.
4. Bei der jährlichen Versammlung stimmen die Mitglieder der Unesco über die Aufnahme der Anträge ab. Für Naumburg wird es im Juni 2015 spannend.

Naumburg l Es sind eben manchmal doch die kleinen Dinge, die wahre Größe zeigen: Das Café auf Schloss Neuenburg zum Beispiel verkauft keinen schnöden "Coffee to go", sondern "Kaffee zum Wegtragen". Gelebte Tradition. In diesem Fall die deutsche Sprache. Immerhin entstand auf Schloss Neuenburg der erste deutschsprachige höfische Roman des Mittelalters. Heinrich von Veldeke vollendete hier zwischen 1184 und 1188 seinen Eneasroman.



Doch nicht nur Neuenburg, sondern die ganze Region zwischen Freyburg, Naumburg und Bad Kösen war im Mittelalter ein wichtiges soziales, religiöses und politisches Zentrum. Die Heilige Elisabeth wirkte hier ebenso, wie Kaiser Friedrich Barbarossa oder der Naumburger Meister. Diese Bedeutung will Deutschland nun auch offiziell bestätigt haben. Gemeinsam mit der Hamburger Speicherstadt stehen der Naumburger Dom und die hochmittelalterliche Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut auf der Bewerberliste zum Weltkulturerbe. In den kommenden Wochen werden Vertreter der Unesco in die Region kommen, um sich selbst ein Bild zu machen. Im Juni 2015 wird in Bonn dann endgültig über die Aufnahme entschieden. Das Gebiet im Süden Sachsen-Anhalts stünde dann in einer Reihe mit den Pyramiden von Gizeh, der Chinesischen Mauer oder dem Taj Mahal in Indien.

"Wir wären unglaublich stolz, wenn das klappen würde", sagt Boje Hans Schmuhl, Generaldirektor der Stiftung Dome und Schlösser. Schmuhl ist so etwas wie der Herr über viele historische Gebäude in Sachsen-Anhalt. Ein besonderes Schmuckstück ist das Schloss Goseck mit seiner Schlosskirche. Dabei sah es in den vergangenen Jahrzehnten nicht gut aus für die Gebäude. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss mal als Kornspeicher, mal als Grundschule und mal als Jugendherberge genutzt. Gepflegt wurde es dagegen kaum. Im Gegenteil: Das verlassene Gelände lockte Schatzsucher und Diebe an. Besonders beliebt waren offenbar die Köpfe der Figuren auf dem historischen Grabmal der Familie von Pölnitz.

Doch kopflose Figuren machen sich nicht gut in einer Kirche. Das fanden auch die zwischenzeitlichen Besitzer der Köpfe. Nachdem sich Freiwillige gefunden hatten, die sich für den Erhalt von Schloss Goseck engagierten, tauchten die Köpfe wieder auf. "Irgendwann lag einer in einem Karton vor der Tür", erinnert sich Robert Weinkauf. "Ein Zweiter steckte dann schon wieder auf einer Figur." Weinkauf ist Vorsitzender des Vereins Schloss Goseck. Gemeinsam mit dem Musiker Sebastian Pank und vielen anderen ehrenamtlichen Helfern hat Weinkauf das Gelände renoviert. Inzwischen ist Goseck ein "Europäisches Musik- und Kulturzentrum". Teil der Welterbe-Bewerbung zu sein ist für Weinkauf daher Lob und Ansporn zugleich: "Jetzt merken die Menschen in dieser Region, was sie hier haben. Sie entwickeln ein Gespür dafür. Das ist herrlich."

Aber es braucht eben immer auch Enthusiasten, die bereit sind Zeit und Geld für den Erhalt des historischen Schatzes zu investieren. So ein Glück wie Goseck haben viele Ruinen nicht. "Wir sind in Sachsen-Anhalt eben steinreich", beschreibt Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) das Dilemma. Als zuständiger Minister verantwortet Dorgerloh die gesamte Bewerbung. Er ist es auch, der die begehrten Fördergelder verteilen muss. Alleine elf Millionen Euro sind es in diesem Jahr für die bereits existierenden Welterbestätten. Hinzu kommen weitere Gelder vom Ministerium für Landesentwicklung und dem Bund.

Auch beim Weltkulturerbe geht es ums Geschäft. "Mit diesem Titel öffnen sich noch einmal ganz neue Fördertöpfe", sagt Dorgerloh. Und die kann das Land gut gebrauchen. Genau wie die Touristen. Auch sie lockt das Prädikat Weltkulturerbe. Die Mehrheit aller Touristen im Land verteilt sich auf die fünf Welterbestätten zwischen Quedlinburg und Dessau. Etwas mehr als zwei Millionen waren es im Schnitt in den vergangenen Jahren.

Mit 130 000 Besuchern im Jahr steht der Naumburger Dom immerhin schon jetzt vor dem Welterbe "Bauhaus". Das Wahrzeichen der Region ist daher auch das Zentrum der Bewerbung. Weltweit bekannt und bedeutend ist der Dom vor allem auch durch die Arbeiten des Naumburger Meisters. Der namentlich unbekannte Künstler schuf im Mittelalter Figuren und Verzierungen in einer bis dahin nicht gekannten Qualität.

Die berühmteste Figur ist die der Uta von Ballenstedt. Mit ihrer erhabenen und unnahbaren Erscheinung bildete sie zum Beispiel für Walt Disney die Vorlage zur bösen Stiefmutter von Schneewittchen. Nur wenige Meter neben der Uta-Statue erscheint der Dom dagegen alles andere als mittelalterlich. Die Fenster der Elisabeth-Kapelle hat der Künstler Neo Rauch gestaltet. Sie sind blutrot und ihre Abbildungen erinnern eher an sozialistischen Realismus als an Gotik. "Natürlich gab es Kritik, aber es ist ein Zeichen, dass selbst in einem Dom die Verbindung von Geschichte und Moderne funktionieren kann", erklärt Matthias Ludwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Domstiftsarchivs. Gerade für die Kultur gilt: Man muss im Gespräch bleiben.

Schon 1998 wurde der Naumburger Dom auf die deutsche Liste für das Weltkulturerbe gesetzt und wurde damals noch als chancenlos beurteilt. Lange hatte man dann über weitere Möglichkeiten nachgedacht und kam schließlich zu der Idee, gleich die gesamte Region in die Bewerbung aufzunehmen. "Nirgendwo sonst auf der Welt ist ein derartiges Gesamtensemble an Befestigungsanlagen, Profan- und Sakralbauten des Hochmittelalters auf so engem Raum erhalten", betont Holger Kunde, Direktor der Domstifter Naumburg. So wurde aus der Not einfach eine Tugend gemacht. Einzelne sakrale Bauten gibt es auf der Welterbeliste bereits so viele, dass der Naumburger Dom alleine nicht aufgenommen werden würde. Ein Grund, weshalb auch der Magdeburger Dom noch kein Weltkulturerbe ist.

Diese Schwierigkeiten kennt auch Kultusminister Stephan Dorgerloh. "Je größer die Liste wird, desto schwerer wird es, noch neues Einmaliges zu finden." Aus Sachsen-Anhalt sollen noch die Franckeschen Stiftungen in Halle zum Weltkulturerbe werden. "Danach aber wird es eng", sieht Dorgerloh ein. Deshalb will das Land noch einmal Stimmung machen für die Bewerbung um Naumburg. Seit Beginn des Monats informiert eine Ausstellung im Schlösschen am Markt über die Bewerbung, weitere Veranstaltungen im ganzen Land sollen die Aufmerksamkeit bis zur Abstimmung deutlich erhöhen. Bei der Wahl in Bonn im Juni 2015 dann wird sich Sachsen-Anhalt ebenfalls noch einmal groß präsentieren. Und Dorgerloh gibt sich schon jetzt siegesgewiss: "Die Jury kann gar nicht anders, als für uns zu stimmen.
"
* So oder so ähnlich hätte die Überschrift im Mittelalter auf Mittelhochdeutsch gelautet. Auf Hochdeutsch heißt es: Eine Region will es wissen.

   

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