Magdeburg l Die herkömmliche Statistik zur Einkommensarmut ist überholt: Davon ist das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) überzeugt. In dieser Statistik wird angegeben, welcher Anteil der Bevölkerung weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens erreicht. Bei einem Alleinstehenden sind das 870 Euro, bei einer vierköpfigen Familie 1830 Euro. Dabei stützen sich die Wissenschaftler auf Daten des Statistischen Bundesamts, erhoben im Mikrozensus 2012.

Allerdings können Menschen für diese Summen je nach Region unterschiedlich viel kaufen. Die IW-Forscher halten deshalb einen anderen Index für aussagekräftiger: die Kaufkraftarmut (mittlere Grafik). Dabei haben sie gegengerechnet, dass die Preise in Ostdeutschland um fünf Prozent niedriger sind. Berücksichtigt man das, sind die Altmark und der Süden Sachsen-Anhalts nicht länger dunkelrot gefärbt. Magdeburg, die Börde, das Jerichower Land und der Salzlandkreis liegen nach den IW-Zahlen gleichauf mit der niedersächsischen Region um Braunschweig und Wolfsburg.

IW-Direktor Michael Hüther sagte bei der Vorstellung der Zahlen in Berlin, unter Berücksichtigung regionaler Preise halbiere sich der Abstand zwischen Ost und West. Sachsen-Anhalt schneide besser ab als die drei Stadtstaaten. Brandenburg und Sachsen lägen besser als Nordrhein-Westfalen.

Noch vorteilhafter sieht die Statistik für viele ostdeutsche Regionen aus, wenn nicht die deutschlandweite Armutsschwelle als Richtwert dient, sondern ein landesspezifischer Wert (dritte Grafik). Weit vorn liegen Gebiete in Sachsen und Thüringen mit niedrigen Einkommensunterschieden: Im Vergleich zum Nachbarn sind dort wenige Menschen arm.

Mit Blick auf den in fünf Jahren auslaufenden SolidarpaktII forderte IW-Chef Hüther ein Umsteuern bei den Fördermitteln. Preisbereinigt sei die Armut in den Ruhrgebietsstädten am deutlichsten gewachsen. Dort müssten Investitionen, Gründungen, Bildung und Integration gestärkt werden.

Der Magdeburger Wirtschaftswissenschaftler Joachim Weimann bestätigt die Forschungsergebnisse - lehnt allerdings die Schlussfolgerung ab. "Natürlich sind die Preise für Mieten, Grundstücke und Dienstleistungen in Ostdeutschland niedriger." Das Wohlstandsgefälle sei deshalb deutlich geringer als allgemein angenommen. "Das muss man auch ganz offen sagen." Ein Ende der Förderung Ostdeutschlands wäre jedoch ein Fehler, warnt er, weil die Wirtschaftstruktur noch nicht vergleichbar sei. Im Osten fehlten weiterhin exportorientierte Großunternehmen. Um sie anzulocken, sei gute Bildung entscheidend.