Wie Jung-Mediziner aufs Land geholt werden sollen

Seit nunmehr 15 Jahren versucht die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt, durch gezielte Förderung junge Ärzte für die Eröffnung einer Praxis in Brennpunktlagen zu begeistern. Damit soll vor allem die allgemeinmedizinische und fachärztliche Versorgung im ländlichen Raum gesichert werden. So gibt es Stipendienprogramme für angehende Mediziner, die sich verpflichten, nach Sachsen-Anhalt zu kommen oder im Lande zu bleiben. Für den Problembereich Hausärzte wurden an den Unis Magdeburg und Halle Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet. Angebote bestehen daneben für die Weiterbildung und die Facharztausbildung.

Die Förderung wurde zum 1. Juli 2014 ausgeweitet. Es gibt Geld für zwei zusätzliche Studienplätze für angehende Mediziner. Unterstützung genießen zudem das Blockpraktikum außerhalb der Universitätsstädte, das Praktische Jahr für Allgemeinmediziner und zehn Lehrpraxen.

Havelberg l Eine kurze Nachfrage noch, dann verabschiedet sich Herr Nowak herzlich von seiner Ärztin: "Bis zum nächsten Mal!" Schnell hat Alexandra Schäfer Fuß gefasst in der neuen Rolle als Hausärztin in der Havelberger Oberstadt.

Die Gestaltung der Räume macht jedem Einrichtungsstudio Ehre: die Praxis ist auf Neudeutsch "stylisch" möbliert und farblich in gedecktem Weiß und hellem Grün gehalten - Farbton Limette, wie Frau Schäfer erklärt. "Dem Patienten soll damit etwas die Angst vorm Arzt genommen werden", begründet sie das Gestaltungsprinzip. Eine Arztpraxis, wie sie auch in einer Großstadt wie Magdeburg oder Berlin zu finden sein könnte. Doch eben in Berlin, wo Alexandra Schäfer an der Charité studiert hat, wollte sie nicht bleiben.

Der Traum von einer Arztpraxis

Sie stammt aus Havelberg und liebt den ländlichen Charakter, der das Leben auch in der Domstadt prägt. "Nein, in Berlin mag ich die Anonymität nicht. Die Stadt ist zu voll und zu laut. Ich möchte meinen Nachbarn kennen."

Das ist in Havelberg mit seinen gut 7000 Einwohnern zweifellos gegeben, zumal die zierliche Ärztin mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt auch hier aufwuchs. Sie stört es nicht, im Supermarkt oder auf der Straße als "Frau Doktor" erkannt und angesprochen zu werden: "Das gehört einfach dazu." Ihre Praxis nimmt die obere Etage eines zweistöckigen Hauses ein. Unten steht noch zweimal Schäfer auf den Namensschildern - Ehemann Sebastian und Schwiegervater Wolfgang praktizieren im Erdgeschoss als Zahnärzte. Insgesamt ein Mini-Gesundheitszentrum am Rande des Neubaugebietes. Für Alexandra Schäfer ist Allgemeinmedizinerin in ihrer Heimatregion immer der Wunschberuf gewesen, sagt sie. "Es können nicht alle nur jammern. Irgendeiner muss den Schritt wagen."

Dafür hat sie elfeinhalb Jahre Ausbildung absolvieren müssen - eine wahrlich kolossale Strecke. Sechseinhalb Jahre Medizinstudium folgten fünf Jahre Weiterbildung zur Fachärztin. Das ist sie seit April dieses Jahres.

Junge Ärzte in ländlichen Gegenden fördern

Für zwei Jahre der Schulung zum Facharzt nutzte sie ein Förderprogramm der Kassenärztlichen Vereinigung. Diese übernahm einen Teil des Gehaltes für Alexandra Schäfer, als sie bei einem gestandenen Praktiker in Klietz arbeitete. Dafür stieg sie anschließend in Havelberg ein. Das trägt dazu bei, die angespannte Lage bei Hausärzten im äußersten Nordosten Sachsen-Anhalts zu entschärfen.

Im Hinblick auf die Gewinnung auch von Neu-Medizinern, die Altmark und Elbe-Havel-Winkel gar nicht oder nur dem Namen nach kennen, meint sie: "Ich denke, wenn man Ärzte hierher holen will, ist Förderung unerlässlich. Denn für die Großstadt sprechen Kultur, Schulen vor der Tür und Arbeitsplätze für den jeweiligen Partner." Finanziell ist die Selbständigkeit mit Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen Anett Graff und Uta Missel plus Kosten der Praxiseinrichtung für Alexandra Schäfer auch ein Risiko. "Ich habe keinen Patientenstamm, alle kommen neu zu mir." Dem Enthusiasmus der zweifachen Mutter tut das keinen Abbruch. "Die Resonanz ist bisher ist gut", sagt sie. "Viele Leute schauen vorbei, um zu sehen, ob ich vielleicht ihre neue Hausärztin werden könnte." Die 36-Jährige erläutert ihr Credo: "Ich möchte die Leute gern 30 Jahre lang begleiten können und somit eine Familienbetreuerin sein." Dafür sei es wichtig zu wissen, wie ihre Patienten leben würden - in einer Umgebung mit nicht gerade gehobenem sozialen Standard. Die klassischen Volkskrankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes mellitus hätten sich bisher als häufige Leiden herausgeschält.

Ein bisschen Sozialstation ist die Hausarztpraxis Schäfer natürlich auch. "Manche kommen eigentlich nur her, um ein paar Worte zu reden. Und das Gespräch kann manchmal mehr wert sein als teure Medizin." Hausbesuche gehören ebenfalls zum ärztlichen Programm. Auf Bestellung bei Patienten, die nicht mehr mobil sind, oder bei akuten Fällen zwischendurch in der Mittagspause. Hinzu kommen die Bereitschaftsdienste in der sprechstundenfreien Zeit und am Wochenende. Für die Zukunft wünscht sich Alexandra Schäfer vor allem zwei Dinge: Dass die Praxis läuft und dennoch ausreichend Zeit für die Familie und Freizeit bleibt.

Familie und Beruf vereinbaren können

Ein Landarzt, der 24 Stunden auf Abruf bereit ist, bei Wind und Wetter durch die Gegend zu sausen - dieses fernsehserienhafte Klischee ist für die junge Ärztin längst passé. "Ich will ein ausgewogenes Verhältnis von Beruf und Familie und abends die Praxistür auch einfach zumachen können", erklärt Alexandra Schäfer mit Überzeugung. Für die freien Stunden mit Ehemann Sebastian und den Kindern Lisa (7) und Luis (3) hat die Natur rings um Havelberg ein wahres Füllhorn geöffnet: Wasser und Wälder gibt es reichlich.

Doch dann offenbart die Medizinerin Überraschendes: Weder paddelt noch wandert sie - ihr Herz gehört dem Fußball! Die Ärztin engagiert sich mit ihrem Mann beim heimischen Verein SV Havelwinkel Warnau, dessen Top-Männermannschaft derzeit im Tabellenmittelfeld der 1. Landesklasse platziert ist.

Aktiv gekickt hat Alexandra Schäfer allerdings nie: "Fußballerinnen gab es zu meiner Jugendzeit noch nicht so viele wie heute", bedauert sie. Die Zeiten ändern sich eben - auf Fußballplätzen genauso wie in Landarztpraxen.

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