Magdeburg l 25 Jahre nach dem Mauerfall bleiben deutliche Unterschiede zwischen den Katholiken in Ost- und Westdeutschland. Zu diesem Urteil kommt Magdeburgs Bischof Gerhard Feige. In einem am Donnerstag vom Bistum veröffentlichten Interview geht er mit einigen Glaubensgeschwistern scharf ins Gericht. Manche Zugezogene verstünden sich als "besonders katholisch", kritisiert Feige.

Diese Haltung sei eine Belastung für ein kleines Bistum wie Magdeburg. "Kontraproduktiv wird dies vor allem, wenn jemand mit westlicher Sozialisation meint, katholischen Christen im Osten beibringen zu müssen, was wahrhaft katholisch sei." Feige berichtet sogar von Diffamierung und Denunziation. Angesichts der Erfahrungen der Christen in der DDR sei das "mehr als anmaßend".

Feige führt seit neun Jahren das Bistum Magdeburg mit rund 86000 Katholiken. Diese leben als Minderheit von 3 Prozent unter einer nichtchristlichen Mehrheit. Feige räumt ein, dass er mit den Verhältnissen in Bayern oder dem Rheinland, mit der mitgliederstarken und reichen Volkskirche, bis heute fremdele. Die Kirche im Westen sei "vielfach traditionsbezogener, folkloristischer und trachtenreicher". Gelegentlich, berichtet der Kirchenmann, werde er dort mit dem Titel "Exzellenz" angeredet - ihm laufe dann ein kleiner Schauer über den Rücken.

Insgesamt zieht Feige eine positive Bilanz der 1989 errungenen Freiheit. Er sei dankbar für die Hilfe vieler Idealisten aus dem Westen, für den Einsatz von Gemeinden und Bistümern. Kritisch beurteilt er die Übernahme des Schulfachs Religion. Im Gegenzug hatten die katholischen Gemeinden den in der DDR üblichen Religionsunterricht im Pfarrhaus meist aufgegeben. "Ob das freilich eine richtige Entscheidung war, wird schon seit längerem bezweifelt", sagt Feige. Denn in vielen Regionen gebe es das Schulfach gar nicht. Tatsächlich bieten nur 10 Prozent der allgemeinbildenden Schulen katholische Religion an, 1 Prozent der Schüler nehmen teil.

Die Chancen, in Sachsen-Anhalt für den Glauben zu werben, beurteilt Feige skeptisch. Er verweist auf das Projekt der Comboni-Missionare, die zwölf Jahre in Halle gewirkt hatten und 2004 aufgaben. Zwar seien die Ostdeutschen nicht absolut ungläubig oder wirklich bekennende Atheisten. Es brauche jedoch eine große Offenheit und einen langen Atem, urteilt Feige, "um unsere zumeist sympathischen nichtchristlichen Zeitgenossen noch besser zu verstehen".