Magdeburg I Am morgigen Sonntag jährt sich der große Moment zum 25. Mal. Am 9. November 1989, um 22.30 Uhr, teilt Oberstleutnant Harald Jäger in Berlin, Bornholmer Straße, seinem Vorgesetzten mit: "Ich stelle die Kontrollen ein und lasse die Leute raus." Ein unvorstellbarer Moment.

Warum blieben Tausende Menschen, die sich im Aufstand befanden, stundenlang so diszipliniert? Warum trafen sie ausgerechnet an diesem Tag auf einen anständigen Grenzer? Es hat sicher auch andere gegeben.

Nur wenige Provokationen hätten die Situation eskalieren lassen. Nur ein Schuss - und wir hätten heute einen traurigen Anlass zum Gedenken. Stattdessen befand sich kurze Zeit später eine ganze Nation im Freudentaumel. Mehr Einheit war nie.

Danach kamen für viele Jahre der Depression. Und das "Grau" der DDR wurde für manche im Rückblick eine anheimelnde Farbe, Gefangenschaft zum "Glück im Winkel". Auch noch nach 25 Jahren. Dabei sind die harten Zeiten vorbei.

Die Arbeitslosenzahlen sind kurz vor dem Jubiläum unter zehn Prozent gesunken. Der Aufbau der Infrastruktur ist fast vollendet (die A 14 wird kommen!), die Abwanderung aus dem Osten ist gestoppt. Es werden wieder mehr Kinder geboren als im Westen. Die Zuversicht ist zurückgekehrt.

Es gibt viele Gründe, sich in diesen Tagen vorbehaltlos mitreißen zu lassen von den Szenen, die unsere Nation so aufgewühlt haben. Wir haben nicht so viele davon.

Als wir Studenten an jenem Abend in Münster herumtelefonierten, um mit Freunden zu feiern, wussten wir natürlich nicht, dass wir 25 Jahre später eine weltoffene, spannende Berliner Republik haben würden (statt der piefigen Bonner), dass (mein) Norddeutschland so groß und prächtig werden würde, dass wir das größte friedliebende Land der Erde werden (wir haben gelernt), dass die Herausforderungen der Nachwendezeit unsere Volkswirtschaft leistungsfähiger machen würde als zuvor. Die meisten kannten die großen Städte und kulturgesättigten Landschaften "da drüben" gar nicht. Und es müssen wahrscheinlich noch einmal 25 Jahre vergehen, bis sich alle in Ost und West über all das vorbehaltlos freuen.

Wir haben einfach Sektkorken knallen lassen, weil Freude ansteckend ist. Auch über die Fernsehbilder aus Berlin.

Für die meisten von uns war der Mauerfall 1989 ja ein Fernsehereignis. Genauso wie es vorher das fremde Land hinter der Mauer gewesen war.

Wir haben irgendwann nach dem 9. November 1989 das neue Land entdeckt, das uns die Revolution geschenkt hat. In dieser Ausgabe erzählen Menschen aus Ost und West von ihrer ersten Begegnung.

Ich wünsche Ihnen viel Freude mit dieser Ausgabe und - feiern Sie schön!

Ihr Alois Kösters
(Chefredakteur)