Was macht die Böller und Bengalos so gefährlich?
Illegale aus dem Ausland bezogene Böller: Sie enthalten in Deutschland nicht zugelassene Sprengstoffe. Die Knaller sind oft zwar kleiner als die handelsüblichen China-Böller mit 2,5 Gramm Schwarzpulver, besitzen aber einen hochbrisanten Blitzknallsatz, der schwerste Verletzungen am menschlichen Körper verursachen kann. Es gibt auf dem Schwarzmarkt oder im Internet sogar Böller zu kaufen, die Netto-Sprengsätze von bis zu 200 Gramm enthalten. Die Explosionen sind mit der einer Handgranate vergleichbar.
Bengalische Feuer oder Signalfackeln: Die Verwendung ist sehr gefährlich, da in diesen unter anderem Magnesium verbrannt wird und dabei eine Flamme mit einer Temperatur zwischen 1600 und 2500 Grad Celsius entwickelt. Verbrennungen können allein durch die Hitzestrahlung entstehen, auch wenn ein direkter Kontakt mit der Flamme gar nicht zustande kommt. Wegen des Magnesiums ist ein Löschen der Flamme mit Wasser unmöglich.
Strafen: Wer Bengalos ins Stadion schmuggelt oder entzündet, dem droht ein bundesweites Stadionverbot. Es handelt sich zudem um eine Ordnungswidrigkeit und unter bestimmten Umständen sogar um eine Straftat.

Magdeburg l Auch beim letzten Spiel des Jahres des 1. FC Magdeburg beim 1. FC Union Berlin II am Dienstag vergangener Woche ist wieder illegale Pyrotechnik gezündet worden. Mehr als 100 Magdeburger Fans griffen nach Angaben der Berliner Polizei beim Marsch vom Bahnhof Köpenick zur Szene-Kneipe "Abseitsfalle" Polizisten mit Böllern, Steinen und Flaschen an. Erst unter Einsatz von Pfefferspray brachten die Beamten die Lage wieder unter Kontrolle. Es wurden Personalien notiert und Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs eingeleitet.

Die Entwicklung, dass auch auf dem Weg zum Stadion immer häufiger Bengalos und Böller gezündet werden, betrachtet die Polizei schon seit längerer Zeit mit Sorge. So flogen Böller gleich in Massen auch beim Fanmarsch zum DFB-Pokalspiel des 1. FC Magdeburg gegen Bayer Leverkusen am 29. Oktober dieses Jahres. 1200 Fans hatten sich zunächst auf dem Alten Markt getroffen. Der Capo (italienisch für Kopf) ergriff das Megaphon und hielt eine Ansprache. Als Sprecher steht er für die organisierte Fanszene. Es gehört inzwischen schon fast zur Tradition, dass sich die Marschierenden mit Schlachtrufen kurz vor bedeutenden Spielen gemeinsam einstimmen. Kurz vor dem Start appellierte der Capo: "Und lasst die scheiß Böller heute weg!"

Der Aufruf kam offensichtlich bei den vielen Mitläufern nicht an. Minuten später krachten bereits die ersten sogenannten Polen-Böller. Passanten, Familien mit Kindern, zuckten am Einkaufszentrum mitten in der Innenstadt zusammen. Viele suchten den Weg auf die andere Straßenseite. Die Polizei zählte am Ende weit mehr als 100 gezündete Böller bei dem Fanmarsch. Eingeschritten sind die Beamten aber nicht.

Einsatzleiter Tom-Oliver Langhans von der Polizeidirektion Nord erklärt: "Bisher hat sich die Taktik der Polizei - neben einer breit angelegten Kommunikation mit allen Beteiligten - auf Deeskalation, Transparenz und das Feststellen von Einzeltätern erstreckt." Ferner habe man abgewartet, dass sich "Selbstregulierungsprozesse innerhalb der Fanszene etablieren."

"Das illegale Abbrennen von Pyrotechnik hat inzwischen ein unerträgliches Maß erreicht." Polizeidirektor Tom-Oliver Langhans

Doch angesichts des weiteren "massiven Verwendens von Pyrotechnik" gehe man davon aus, dass diese Selbstregulierung innerhalb der Fan-Szene offenbar "nur eine marginale Wirkung" zeigt. Langhans: "Das illegale Abbrennen von Pyrotechnik hat inzwischen ein unerträgliches Maß erreicht." Er kündigte deshalb an, dass die Märsche künftig "intensiver betreut werden" sollen. Ein entsprechendes Konzept sehe "schrittweise Maßnahmen mit ansteigender Intensität" vor. Näher wollte er aber nicht darauf eingehen.

Für die bisherige Zurückhaltung erntet die Polizei sogar Kritik aus den eigenen Reihen. Uwe Petermann, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP): "Es ist einfach nicht gelungen, dass die Fans sich untereinander disziplinieren. Wenn es Straftaten aus diesen Märschen heraus gibt, gehören diese beendet. Auch wenn der Aufwand in diesem Fall etwas größer sein dürfte." Die Polizeiführer seien da zu zaghaft.

Der Leiter des Fanprojektes des 1. FCM, Jens Janeck, sieht das ganz anders. Er sagt: "Ich erachte die Selbstregulierung nicht als gescheitert. Es ist nur ein längerer Weg, bis sich auch bei allen herumgesprochen hat, dass echte Fans die Böller ablehnen. Das wirft nur ein schlechtes Licht auf unseren Heimatverein." Das Abfeuern von Pyrotechnik sei leider eine Modeerscheinung, die aber "schon wieder im Abklingen" ist. Janeck: "Das ist uncool, aber viele wissen das offenbar noch nicht." Streitbar seien Bengalos, die nur zur Choreografie verwendet werden.

In diesem Jahr gab es nach Angaben der Magdeburger Polizei drei Fanmärsche mit Teilnehmerzahlen von zwischen 300 und 1000 Personen. Bei allen wurden zahlreiche Böller gezündet. Auch viele, die dem Einfuhrverbot unterliegen.

Landes- und bundesweit ist das Abfeuern von Pyrotechnik bei Fußballspielen seit Jahren ein Problem, obwohl es in den Stadien eigentlich verboten ist. In Sachsen-Anhalt wurden bei Fußballeinsätzen im vergangenen Jahr vier Beamte durch Feuerwerkskörper verletzt. Beim Landespokalfinale Magdeburg gegen Halle im Mai dieses Jahres hatten HFC-Fans einen Polizisten so mit Feuerwerkskörpern beworfen, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU): "Ich halte es für richtig, dass die Polizei bei den Verstößen durch Pyrotechnik hart durchgreift. Die Verletzungsgefahr durch Bengalos und Böller wird unterschätzt. Ich würde mir aber auch wünschen, dass die Justiz aus generalpräventiven Gründen solche Delikte mal härter sanktioniert. Bengalische Feuer sind einfach keine Choreografie für Fußballspiele."

Laut Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze ZIS stieg deutschlandweit die Zahl der Strafverfahren am Rande von Spielen der 1. und 2. Liga im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent, in der 3. Liga um 13 Prozent.