Rückblick auf wechselvolle Jahre
1915
Paul Thiersch wird Direktor der Handwerkerschule der Stadt Halle, die hervorgegangen ist aus der Vereinigung der Provinzial-Gewerbeschule (1852) mit der Gewerblichen Zeichenschule (seit 1870). Einrichtung einer Klasse für Architektur und Raumausstattung. Paul Thiersch leitet die Schule bis 1928.

1920 und 1922 Einrichtung einer Werkstatt für Baukeramik, ab 1922 auch für Töpferei. Eine Buchbinde- und eine Textilwerkstatt werden eröffnet. Die Unterburg Giebichenstein, von der Stadt Halle 1918 erworben, wird 1921/22 nach Plänen von Wilhelm Jost und Paul Thiersch umgebaut.

1925 bis 1933 Mit dem Umzug des Bauhauses von Weimar nach Dessau kommt eine Reihe von Bauhäuslern an die Burg, so auch Gerhard Marcks. Der Bildhauer und Grafiker wird 1928 Rektor. Individuelle Kunstproduktion und funktionalistische Modellentwicklung gleichermaßen werden betrieben. Die Schule erwirbt sich einen nachhaltig guten Ruf als neben dem Bauhaus einussreichste deutsche Kunstschule.

1933 bis 1945 Diffamierungen gegenüber den Lehrenden, die Existenz der Schule ist bedroht, viele Lehrer werden entlassen, zahlreiche baugebundene Kunstwerke werden unwiederbringlich zerstört, Klassen werden geschlossen, die Schule wird von den Nazis gleichgeschaltet: als Meisterschule des Deutschen Handwerks soll sie dem "bodenständigen Handwerk" dienstbar werden.

1945 bis 1958 Nach dem Krieg wird der Schulbetrieb wieder aufgenommen. 1948 beginnt die staatlich gelenkte sogenannte Formalismusdebatte, es gibt verstärkte Kontrollen durch die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten und weit reichende Eingriffe in das Ausbildungsprogramm. In den folgenden Jahren schmerzhafte Einschränkungen für Malerei, Grak und Plastik. 1956 erfolgt die administrative Angliederung an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

1958 bis 1989 Die offizielle Anerkennung als Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle - Burg Giebichenstein ist verbunden mit der Einrichtung breiter gefächerter Designabteilungen. Im Laufe der Jahre neue inhaltliche Orientierungen und neue Strukturen.

Ab 1990 Organisatorische Umgestaltung, Erweiterung um Lehramtsstudiengang Kunsterziehung und später um den Diplomstudiengang Kunstpädagogik; Gründung spezialisierter medienorientierter Fachgebiete, Aufbau und stets weiterer Ausbau internationaler Kontakte und Aktivitäten.

Veranstaltungen
6. Februar:
Festakt zur offiziellen Eröffnung des Jubiläums inklusive Modenschau im Volkspark
5. bis 29. März: Die Ausstellung "Entdeckungen. Die Bücher der Burg" präsentiert herausragende Bücher, die von Studierenden und Lehrenden aus den Bereichen Buchkunst, Grafik, Kommunikationsdesign und Illustration gestaltet oder illustriert sind, Burg Galerie im Volkspark
12. März bis 3. Mai: "Figur und Gefäß", Kabinettausstellung mit Arbeiten von Burg-Künstlerinnen und Künstlern aus Magdeburger Sammlungen, Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg
16. April bis 7. Juni: "Professoren der Burg aus Kunst und Design ... beobachten, bewegen, bilden, bürsten gegen den Strich", Volkspark Halle
24. April bis 16. August: "Assoziationsraum Wunderkammer", Zeitgenössische Kunst und Design zur Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen, Ort: Franckesche Stiftungen im Historischen Waisenhaus
26. bis 29. Mai: "Die Burg feiert"- eine Festwoche an den Standorten der Schule
18. bis 19. Juli: Jahresausstellung an den Standorten der Schule

Die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Rektor Professor Dieter Hofmann spricht im Interview mit Redakteurin Grit Warnat über Umbrüche, Sparvorgaben, das Jubiläumsprogramm und Wünsche für das Haus.

Volksstimme: Herr Professor Hofmann, als die Schule gegründet wurde, tobte der Erste Weltkrieg. Wie visionär musste man sein, in Zeiten des Krieges an Kunst zu denken?
Dieter Hofmann:
Sehr visionär. Ich finde es bewundernswert und mutig, dass man in diesem Stahlgewitter doch noch an die Kunst und ihre Kraft geglaubt hat.

Sie sind seit Oktober Rektor. Was haben Sie für Visionen?
Für mich ist Chancengleichheit im Studium sehr wichtig. Das gilt vor allem für Familien. Im letzten Jahr wurde eine Kita eröffnet, damit ging für die Hochschule ein Traum in Erfüllung. Ich meine aber auch Gleichberechtigung an unserer Schule unabhängig vom Geschlecht und Einkommen. Ein Studium in Kunst oder Design ist kostspielig.

Das sind sehr soziale Aspekte.
Auch baulich haben wir einen Wunsch. Es gibt seit vielen Jahren Pläne, die bauliche Entwicklung der Hochschule abzuschließen. Wir wollen die beiden Kunststandorte in der Stadt zusammenführen. Schon lange ist ein Neubau im Gespräch, es gab Anträge, aber noch kein konkretes Signal aus der Politik.

Ihre beiden großen Bereiche Kunst und Design haben auch unterschiedliche Standorte.
Die Kunst ist aber auch in sich auseinander gerissen, es gibt keine kurzen Wege. Ein interdisziplinäres Studium wird dadurch erschwert. Der Burg fehlen Flächen, vor allem für zeitgemäße Werkstätten. Die Hälfte der Kunst ist sozusagen im Exil. Das kostet uns viel Geld und die Künstler viel Kraft.

Was schwebt Ihnen vor?
Ein zeitgemäßes Gebäude für eine Kunstausbildung des 21. Jahrhunderts. Das würde eine unglaubliche Energie ans Haus bringen. Am Bauhaus in Dessau hat man es damals auch geschafft, so etwas zu realisieren. heute ist es Weltkulturerbe und Wallfahrtsort für Architekten. Das Bauhaus bekommt zum 100. Geburtstag ein Museum. Vielleicht wäre ja unser Jubiläum auch ein schöner Anlass. Ein Zeichen in diese Richtung würde uns helfen.

Die Hochschule war in den 100 Jahren oft gefordert. Sie hat zwei Diktaturen verkraften müssen, hat die Formalismusdebatte zu DDR-Zeiten erlebt. Haben diese Umbrüche die Schule nach vorn gebracht?
Es ist immer eine großartige Herausforderung, sich an neue Umgebungen, Kontextumstände anzupassen. Das fördert auch die Kreativität und Fantasie. Hier am Haus musste man stets schauen, wie man sich die künstlerische Freiheit auch unter widrigsten Umständen erhalten kann und wie man es trotzdem schafft, Dinge anders zu sehen, als es die Gesellschaft und die Politik tun.

Als Sie Rektor wurden, waren die Zielvereinbarungen noch in vollem Gange. Da haben Sie die Dinge anders gesehen als die Politik.
Ich sehe das immer noch so. Uns irritiert, dass der Wissenschaftsrat uns gelobt und uns sogar auf den Weg gegeben hat, dass wir uns auf bestimmten Gebieten noch erweitern sollen. Auch wir müssen sparen. Das bedeutet dann aber, dass wir uns in bestimmten Dingen nicht so weiterentwickeln können, wie wir das für richtig erachten. Das nimmt der Schule etwas von ihrer Zukunftsperspektive.

Inwiefern?
Wir müssen Stellen streichen, die im Stellenplan stehen, aber nicht besetzt sind. Wir erachten es aber als wichtig, uns Optionen offenzuhalten. Es geht um mindestens fünf Professorenstellen, die uns für die Zukunftsentwicklung fehlen werden. Die Welt ändert sich und damit auch die Bedingungen für eine künstlerische und gestalterische Ausbildung. Darauf müssen wir reagieren können. Für uns ist es ein Einschnitt, den wir in den nächsten fünf Jahren spüren werden.

Die Hochschulen in Leipzig und Dresden hatten 250-jähriges Jubiläum. Beide genießen in der Kunstwelt einen guten Ruf. Wo steht Halle?
Wir sind noch eine junge Dame im Vergleich zu den anderen. Als unsere Schule entstand, lagen andere Ideen in der Luft. Hochschulen haben verstärkt auf Design als neue Disziplin gesetzt. Es ging um andere Fragen. Wie man preiswert bauen und wohnen kann zu Beispiel, es ging auch um Produkte, die früher nur einer Oberschicht zugänglich waren und durch industrielle Formgebung einer breiten Masse angeboten werden konnten. Das ist eine sehr soziale Idee. Sie hat unsere Schule geprägt. Wir haben 650 Studenten im Design. Mit 350 Studenten in der Kunst sind wir zwar kleiner als Dresden und Leipzig, aber qualitativ nicht schlechter. Unter den Kunsthochschulen haben wir den größten Designfachbereich in Deutschland.

Ihre Schule wird 100. Die Lehrenden und Studierenden planen Ausstellungen, Symposien, Workshops. Was sollte man aus Ihrer Sicht nicht verpassen?
Die Professorenschau ist ein schönes Experiment. Dass sich die Lehrenden mit ihrer eigenen Arbeit präsentieren, die sie unabhängig von ihrem Wirken hier am Haus erbringen, das hat es an der Burg noch nicht gegeben. Kunst und Design zusammen in einer Ausstellung - ich bin sehr gespannt, wie wir das hinbekommen. Es wird aber auch viele Überraschungen geben.

Werden auch Sie als Rektor ausstellen?
Ja, ein Industriedesignprojekt mit dem Prothesenhersteller Medi. Im Rahmen der Professorenausstellung werde ich ein Interview mit Georg Thiersch führen, er ist ein Urenkel des Schulgründers und Architekten Paul Thiersch. Wir kennen uns vom gemeinsamen Studium in Stuttgart, aber erst hier habe ich erfahren, dass er verwandt ist mit dem einstigen Schuldirektor. Auf diskursive Art wollen wir etwas über unsere Vergangenheit erfahren. Uns ist dabei vor allem der Blick nach vorn wichtig, das, was aus der Geschichte für uns heute und in der Zukunft noch spannend und wirksam ist.

Was meinen Sie mit dem Spannenden?
In Zurückgezogenheit kann man heute keine Kunst und kein Design machen. Wir waren und sind eine sehr offene Hochschule, die den Dialog sucht, zum Beispiel mit Firmen im In- und Ausland. Wir führen interessante Projekte mit großen Unternehmen wie National Panasonic, Fissler, Mercedes Benz, Deutsche Telekom, Hoffman-La Roche und Braun durch. Das ist für uns spannend, es gehört zu unserer Arbeit, auch wenn es außerhalb der Burg wenig bekannt ist. Ich denke, wir müssen solche Erfolge nach außen stärker kommunizieren. Wir können so auch Bewerbern zeigen, das erwartet euch hier, das können wir euch bieten.

Ihre Bewerber werden zu Eignungsgesprächen geladen.
Es geht um die Frage, ob wir zusammenpassen. Wir sind sehr daran interessiert, dass Studierende schon Lebenserfahrung mitbringen, eine Lehre abgeschlossen oder sich bereits im Ausland orientiert haben. Ich habe auch eine Berufsausbildung gemacht, meine Hochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt, nebenbei gearbeitet, Maschinenbau studiert. Erst dann konnte ich meinen Traum verwirklichen.

Sie zog es ins Ausland, Sie waren mehrere Jahre in Japan. Tut es Ihnen weh, wenn Sie Absolventen nicht in Halle, in der Region, im Land halten können?
Wir schauen in unserer Arbeit immer über den Tellerrand, wir haben Partnerschaften mit 70 Hochschulen im In- und Ausland. Für Künstler und Designer gehört es dazu, sich in der Welt zu orientieren. Viele gehen auch in die Welt, obwohl sie sich wohlfühlen in Halle. Als Schule wollen wir überzeugen, dass man auch von hier aus als Gestalter arbeiten und Karriere machen kann. Mit unserem Designhaus beraten wir Absolventen und helfen ihnen, sich vor Ort eine Existenz aufzubauen. Ähnliches schwebt uns für den Bereich Kunst vor. Wer hier bleiben möchte, der soll auch eine Chance bekommen.

Dieter Hofmann wurde 1960 in Fürth geboren. 1977 bis 1980 Ausbildung zum Technischen Zeichner, 1988 bis 1993 Maschinenbaustudium an der FH Nürnberg mit Abschluss Diplomingenieur, 1993 bis 1996 Studium des Investitionsgüterdesigns in Stuttgart, 1996/97 Gastprofessur IDAS Seoul (Korea), 1999-2001 Professor an der National University of Tsukuba (Japan), 2000 bis 2002 Japankorrespondent für Form online, seit 2003 Professur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, zahlreiche Forschungs- und Industriedesignprojekte in Deutschland, England, Japan, USA und Korea. Seit Oktober 2014 Rektor der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.