Signale wahrnehmen
Gewalt beginnt bei der Vernachlässigung der Kinder. Das empfiehlt der Leitfaden zur Früherkennung.

Signale sind:
Schlaf-, Ess- und Schreiprobleme, Mangelnde Hygiene,
Deutliche Verzögerung in der Entwicklung, Verhaltensauffälligkeiten (nervös, verschüchtert, aggressiv, apathisch), unregelmäßiger Kindergarten- oder Schulbesuch, trauriger Blick oder starre Mimik, Ringe um die Augen, das Kind trägt meistens durchnässte Windeln,

Hinweise durch die Kleidung:
Entspricht Kleidung der Jahreszeit?
Passt die Kleidung oder ist sie zu eng oder viel zu groß?
Riechen die Sachen immer muffig?

Bei sexuellem Missbrauch sind eindeutige Symptome selten. Auffälliges Verhalten kann ein Indiz sein, zum Beispiel:
gestörtes Essverhalten, Schlafstörungen, Rückfall in Kleinkindverhalten, Weglaufen von zuhause, Distanzlosigkeit, Ablehnung des eigenen Körpers, lerhöhtes Sicherheitsbedürfnis, Albträume, unklare Sprachstörungen, Stehlen und anderes delinquentes Verhalten, Aggressionen, auffallend ängstliches Verhalten, selbstverletzendes Verhalten

(Quelle: Medizinischer Leitfaden der TK)

Magdeburg l Die kleine Emily wird ruhiggestellt. Bis sie nichts mehr sagt. Am 6. Februar stirbt sie. Emily aus Bismark wird 18 Monate alt. Rechtsmediziner stellen schwerste Kopfverletzungen fest. Die Stiefmutter kommt in U-Haft. Die Familie war betreut worden, doch das Sozialamt Stendal hatte nichts bemerkt. Kurz vor diesem Fall wird bekannt, dass eine Zehnjährige aus Quedlinburg bundesweit für Sexdienste herhalten musste. Und in die Klinik Wernigerode wird der achtwöchige Jason mit Hirnblutungen eingeliefert - die Eltern stehen unter Misshandlungsverdacht.

Drei Fälle aus zwei Monaten. Den Jugendämtern werden im Jahr mehr als 2000 Fälle gemeldet, in denen Kinder in Gefahr geraten. In 700 Fällen bestätigte sich im vorigen Jahr der Verdacht. Die Polizei zählt 171 Misshandlungsdelikte und 533 Fälle von sexuellem Missbrauch. Vier Kinder starben. Das sind die registrierten Fälle, die Dunkelziffer liegt weit höher. Daher hat das Sozialministerium zusammen mit Fachleuten den Leitfaden zur Früherkennung von Gewalt gegen Kinder erneuert und gestern vorgestellt.

Doch wie kann das sein, dass die Zahlen ansteigen, wenn immer mehr für das Thema Gewalt an Kindern sensibilisiert wird, aber auf der anderen Seite die Geburtszahlen rückläufig sind?

Andrea Wegner, Geschäftsführerin vom Kinderschutzbund Sachsen-Anhalt, hält den Leitfaden für notwendig. Ob die steigende Zahl an einer besseren Aufklärung der Ärzte liegt, will sie nicht bestätigen. "Liest man die Zahlen der Polizei, macht es nicht den Eindruck, dass der Missbrauch an Kindern angestiegen ist." Spreche man aber mit Mitarbeitern vom Kindernotdienst, sehe es anders aus.

"Natürlich reicht es nicht aus, nur in ein Buch zu gucken," sagt Wegner. Der Leitfaden sei nur eine gute Ergänzung, aber nicht die Lösung. "Als Kinderschutzbund wünschen wir uns, dass etwas passiert, bevor es passiert." Man könne den Jugendämtern nicht alles zumuten, ohne ihnen gleichzeitig die personellen und finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Sozialminister Norbert Bischoff hofft, dass mit der dritten Auflage des Leitfadens die Dunkelziffer abnimmt. Mit Hilfe des Ratgebers sollen Ärzte und Zahnärzte Symptome von Gewalt und Vernachlässigung an Kindern schneller erkennen. Im letzten Kapitel befinden sich Adressen und Anlaufstellen, falls ein Kind Symptome aufweist.