Blankenburg/Halberstadt l Mit Birgit Kayser zieht am 18. März 1990 eine junge Blankenburger Lehrerin in die DDR-Volkskammer ein. Noch heute staunt sie über die Wahlbeteiligung von 94,1 Prozent im damaligen Landkreis Wernigerode. Wenig überrascht hat sie dagegen das gute Wahlergebnis ihrer Partei, der CDU. "Die Menschen wollten eben die Deutsche Einheit und haben dies der CDU mit Helmut Kohl am ehesten zugetraut", sagt Birgit Kayser.

Auch ihr trauen die Menschen einiges zu. Immerhin hat sie die Wendezeit in ihrer Heimatstadt Blankenburg entscheidend mitgeprägt. Nun plötzlich entscheidet sie über die Zukunft Deutschlands mit. Als eine von vier Parlamentarischen Geschäftsführern der "Allianz für Deutschland" - dem Wahlbündnis aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch - bezieht sie ein Büro in Berlin und arbeitet im Ausschuss Deutsche Einheit den Einigungsvertrag mit aus. "Die Sitzungen dauerten oft bis in die Nacht", erinnert sich Birgit Kayser und verweist auf 38 Volkskammersitzungen in diesem halben Jahr. Vor der Wende hätte ein DDR-Parlament dafür 19 Jahre benötigt.

Nach ihrem kurzen "Abenteuer" in der großen Politik kehrt Birgit Kayser in den Schuldienst zurück. Heute ist sie als Referentin des Landesschulamtes tätig. Der Kontakt zu ihren damaligen Volkskammer-Kollegen ist aber nie abgerissen. Einmal im Jahr trifft sie sich rund um den 18. März mit ihnen - innerhalb des Vereins ehemaliger Volkskammermitglieder der CDU/CDA-Fraktion. Und auch politisch ist sie weiter aktiv. In ihrer Heimatstadt Blankenburg führt die 62-Jährige den CDU-Ortsverband und leitet die Stadtratssitzungen.

Neben weiteren Volkskammer-Abgeordneten der Region wie Michael Leja (CDU), Dr. Eberhard Brecht (SPD) aus Quedlinburg und Manfred Dott (DSU) aus Halberstadt avanciert der Halberstädter Pfarrer Eckhard Altmann in den turbulenten Wendemonaten sogar zum CDU-Spitzenkandidaten im damaligen DDR-Bezirk Magdeburg. Das CDU-Parteibuch besaß der damals 58-Jährige zwar schon seit längerer Zeit, allerdings war er in der Wendezeit bestenfalls noch eine Karteileiche im Parteiregister. "Meine Hoffnung in den 1980er Jahren, als CDU-Mitglied in der DDR eine Brücke zur Kirche zu bauen, hatte sich leider nicht erfüllt", erinnert sich Altmann. Als Lothar de Maizière an die Spitze der DDR-CDU rückte und frischen Wind mitbrachte, entsann sich Altmann seiner Mitgliedschaft: "Da war mir klar, dass jetzt die Stunde gekommen ist."

Altmann, der als Pfarrer schon im Wendeherbst die Montagsdemos in Halberstadt begleitet hatte, wird parteiintern zum Senkrechtstarter. Als am 18. März 1990 bei den ersten freien Wahlen die Volkskammer gewählt wird, hat er Listenplatz eins inne und das Ticket für den Sitz im Palast der Republik von Anfang an sicher.

Mit dem Wechsel in die Hauptstadt der Noch-DDR verbindet Altmann gleichsam lustige und überraschende Momente wie auch merkwürdige und erschütternde Erlebnisse. "Dass uns wenige Monate nach den heißen Montagsdemos plötzlich Volkspolizisten freundlich in die Parkplätze einwiesen, war schon merkwürdig", sagt er rückblickend. Der heute 84-Jährige erinnert sich an stressige, extrem vollgepackte Arbeitstage und -nächte. "Fünf Abgeordnete hielten der Belastung in den gut sechs Monaten nicht stand oder kamen bei nächtlichen Unfällen ums Leben", so Altmann. Das seien ebenso erschütternde Momente gewesen wie Nachrichten aus dem DDR-Innenministerium, dass Stasi-Leute ein Waffenlager stürmen wollten und Fallschirmjäger der Armee eingreifen mussten.

Altmanns politische Laufbahn ist intensiv und kurz. Schon mit der Deutschen Einheit am 3. Oktober geht er als Pfarrer zurück nach Halberstadt. Rückblickend betrachtet, erinnert er sich an turbulente Monate, in denen gewiss nicht alles optimal und richtig gelaufen sei. Aber: "Die Chance, die deutsche Wiedervereinigung zu packen, war einmalig und wir haben sie genutzt."

Zusammen mit Birgit Kayser, Eberhard Brecht und Michael Leja ist Altmann heute zur letzten Runde der Gesprächsreihe "25 Jahre Nachwende: Lebenswege" in die Kammerbühne Halberstadt eingeladen, Beginn ist um 19.30 Uhr.