Tröglitz l Mohammed muss lachen, wenn er über seine Flucht nach Deutschland redet. "Mit dem Auto, dem Boot, dem Flugzeug und zu Fuß. Irgendwie über die Türkei", sagt der 22-jährige Syrer auf Englisch. Mohammed wohnt derzeit in einer erst wenige Monate alten Flüchtlingsunterkunft in Weferlingen (Landkreis Börde).

Am Rand des 2000-Einwohner-Ortes warten rund 150 Menschen darauf, als Flüchtling anerkannt zu werden. Die Einheimischen scheint das kaum zu stören. "In diesem Dorf fühlen wir uns sehr willkommen und sicher", sagt Informatikstudent Mohammed. Eine Weferlingerin auf der Straße sagt: "Wir grüßen die, die grüßen nett zurück". Probleme gebe es keine. Über die Schlagzeilen aus Tröglitz (Burgenlandkreis) schüttelt sie den Kopf.

Knapp 200 Kilometer südöstlich von Weferlingen wurde in der Nacht auf Sonnabend ein noch nicht bezogenes Flüchtlingsheim in Brand gesetzt und teilweise zerstört. Der Anschlag bereitet den Flüchtlingen in Weferlingen Unbehagen. Sie haben im Internet darüber gelesen. "Gestern haben wir darüber geredet", sagt Mohammed. Einige hätten sich gefragt, ob das in Weferlingen auch passieren könnte.

"Solange sie mich in Ruhe lassen, ist mir das egal." - Eine Einwohnerin Weferlingens

Dennoch fühlen sich Mohammed und seine Freunde sicher. Saeed, ebenfalls Syrer, drückt es so aus: "Nicht besonders willkommen und nicht besonders abgelehnt. Normal eben." Vor dem Supermarkt zeigt sich eine Frau unbeeindruckt von den Flüchtlingen: "Solange sie mich in Ruhe lassen und mir nichts tun, ist mir das egal."

In Weferlingen haben sie versucht, Vorurteilen und unguten Gefühlen von vornherein zu begegnen. "Wenn sie in einem kleinen Ort wie Weferlingen 200 Leute unterbringen sollen, gibt es natürlich auch Vorbehalte", sagt Corinna Sladky vom Landkreis. Deshalb konnten sich die Einwohner in einer öffentlichen Sitzung informieren. Außerdem ist die Anlage nicht umzäunt. Anfangs habe es eine öffentliche Besichtigung für die Bürger gegeben, sagt die Bürgermeisterin von Oebisfelde-Weferlingen, Silke Wolf (Linke). "Damit sie auch wissen, dass es keine Luxusunterkunft ist". Mittlerweile gibt es im Ort sogar eine Kontakt- und Unterstützungsgruppe, das Gymnasium hat ein Flüchtlingsprojekt und es gibt fast schon zu viele Sachspenden.

Auch in vielen anderen Orten Sachsen-Anhalts haben sich Menschen zusammengefunden, um Asylbewerbern das Einleben zu erleichtern. Tausende Ehrenamtliche organisieren Deutschkurse, helfen beim Einkaufen oder beim Arztbesuch.

"Das ist keine Luxusunterkunft." - Silke Wolf, Bürgermeisterin

Kirchen bieten Spielenachmittage an, Sportvereine laden Flüchtlinge ein - so wie beispielsweise Fortuna Genthin. Zum traditionellen Christian-Weinke-Cup im Februar nahm erstmals die Mannschaft "Syria Untied" teil: Ein Fußballteam bestehend aus syrischen Flüchtlingen der Stadt.

Verwaltungen und Vereine kämpfen dabei gegen einen unsichtbaren Gegner: Vorurteile. In Halberstadt versucht Pfarrer Friedrich Wegner, diese auf einem besonderen Weg abzubauen - mit Musik. Am 25. April beginnt in der Liebfrauenkirche eine Konzertreihe mit dem Namen "Musizieren mit Flüchtlingen".

In der Altmark werden Flüchtlinge als Fachkräfte gewonnen. Mehrere Ärzte haben so den Weg ans Stendaler Klinikum gefunden. Viele von ihnen sind Muslime, sie haben im vergangenen Jahr die Islamische Gesellschaft in Stendal gegründet. Der Verein ist seitdem ein Anlaufpunkt für viele Asylbewerber aus der Gemeinschaftsunterkunft.

Weferlingen, Genthin und Stendal hui, Tröglitz pfui? So einfach ist es nicht. Flüchtlingsunterkünfte sind regelmäßig das Ziel von rechten Attacken. Seit Monaten versuchen beispielsweise Rechtsextreme im Magdeburger Stadtteil Neu-Olvenstedt Stimmung gegen die Unterkunft zu machen. Der Bau wurde vor der Eröffnung mit Steinen attackiert, Fensterscheiben und Balkontüren gingen zu Bruch. Selbst als die ersten Familien einzogen, waren die Schäden noch sichtbar. Eine Einwohnerversammlung musste sogar unter Polizeischutz stattfinden, weil Rechtsextreme bei der Veranstaltung waren.

Auch in Schönebeck hat es einen ähnlichen Vorfall gegeben. Eine mit Messern bewaffnete Gruppe war im August 2014 auf das Gelände der Asylbewerberunterkunft in der ehemaligen Schifferschule eingedrungen. Fünf von ihnen gelangten dabei in das Haus und suchten zielgerichtet nach drei Asylbewerbern. Es hat eine heftige handgreifliche Auseinandersetzung gegeben. Danach wurde eine Wachschutzfirma für das Asylbewerberheim beauftragt. Seitdem ist nichts mehr passiert.