Von Oliver Schlicht

Magdeburg. Die Informatik-Fakultät der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität hat in dieser Woche zu seinem 7. Lehrertag eingeladen. Thema: "Informatische Bildung an Schulen". Knapp 100 Lehrer aus ganz Sachsen-Anhalt und Niedersachsen – Pädagogen aus allen Schulformen – waren der Einladung gefolgt.

Zu Beginn der Tagung appellierte Graham Horton, Dekan der Magdeburger Informatik-Fakultät, eindringlich an die Lehrer, bei ihren Schülern zukünftige Informatiker anzuwerben. Er hielt bei seiner Rede ein Inserat der Volksstimme in den Händen. Darin suchte ein Leipziger IT-Unternehmen dringend 100 Mitarbeiter für die Gründung einer Magdeburger Niederlassung. Horton: "Die waren auch bei uns, weil sie zu wenig Leute finden. An unserer Fakultät machen aber jährlich nur knapp 100 Studenten ihren Abschluss. Und die sind heiß begehrt." Zur Zeit gebe es deutschlandweit 27 000 offene Stellen für Informatiker.

Gleich im Anschluss an den Dekan betrat der "Stargast" der Tagung die Bühne. Die Berliner Professorin für Medien-Informatik, Debora Weber-Wulff. Sie gilt als eine von Deutschlands führenden Experten für die Erkennung von Plagiaten. Es wundert nicht, dass die gebürtige US-Amerikanerin derzeit eine viel nachgefragte Fachfrau ist. Die Magdeburger Informatiker hatten die Wissenschaftlerin bereits im Dezember – Wochen vor der Guttenberg-Affäre – eingeladen. Ihr Thema beim Lehrertag: "Plagiatserkennungssoftware in der Schule: Wundermittel oder Zeitverschwendung?"

Ghostwriter – der Feind der Wissenschaft

Zu Beginn ihres Vortrags benannte Weber-Wulff den aus ihrer Sicht schlimmsten Feind der seriösen Wissenschaft: "Das ist nicht das Plagiat, sondern der Ghostwriter." Es gebe heute sehr viele Anbieter, die das Verfassen einer Arbeit im Internet verkaufen. "Das beginnt bei Hausaufgaben für zehn Euro. Und es endet bei wissenschaftlichen Arbeiten, die gegen Honorar in Indien geschrieben und unter falschen Namen hier veröffentlicht werden", so die Professorin.

Eine solche Arbeit zu entlarven, sei mit Software-Lösungen kaum möglich. Denn solche Arbeiten seien in der Regel formell gut ausgeführt. "Deshalb ist aus meiner Sicht die Guttenberg-Promotion auch keinesfalls das Werk eines Ghostwriters. So arbeitet kein Ghostwriter." Die Kennzeichnung der Zitate würde eher dafür sprechen, dass Zuarbeiten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, die eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, in die Arbeit kopiert wurden.

Wenn Lehrer Plagiate vermuten, sollten sie softwaregestützten Überprüfungen mit Vorsicht begegnen. "Wir träumen vom Lackmustest für wissenschaftliche Arbeiten. Eintauchen, orange ist geklaut, blau ist echt." Seit der Guttenberg-Affäre gebe es eine sprunghaft gestiegene Nachfrage nach Plagiatssoftware. "Ich bin da sehr skeptisch."

Für Lehrer an Schulen sei es besonders wichtig, sich auf den ganz persönlichen Texteindruck zu verlassen. "Sie müssen ein waches Auge für Verdachtsmomente haben. Gibt es plötzliche Stilbrüche im Aufsatz? Entspricht das Wort dem Vokabular eines Achtklässlers? Oder ganz verdächtig: Der Schüler wendet den Konjunktiv richtig an."

Beliebt seien Kopien aus dem Internet, allen voran direkt aus dem Online-Lexikon Wikipedia. "Zuweilen finden sie Hinweise auf ehemalige Links und Unterstreichungen, die beim Kopieren versehentlich mit übernommen wurden." Aber selbst Wikipedia-Plagiatoren seien nicht vor peinlichen Fehlern geschützt. Weber-Wulff erzählt ein amüsantes Beispiel. So war bei Wikipedia notiert, dass die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen zu ihrem ersten WM-Titel ein Kaffeeservice und ein Bügelbrett vom DFB geschenkt bekommen habe. "Das Bügelbrett war falsch. Das hatte ein Spaßvogel einfach hinzugefügt. Trotzdem stand das Bügelbrett in vielen Veröffentlichungen."

Tests in deutsch, englisch und japanisch

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, an der Debora Weber-Wulff lehrt, prüft regelmäßig etwa alle zwei Jahre Plagiats-Software-Angebote verschiedener Firmen. Der jüngste Test stammt aus dem Jahr 2010. 42 Testfälle wurden dabei simuliert in englisch, in deutsch und in japanisch. 26 Programme wurden getestet. Gute oder sehr gute Ergebnisse gab es nicht. "Teilweise nützlich" waren fünf Programme, "kaum nützlich" neun, zwölf sogar nutzlos. Übersetzungen wurden oft falsch gelesen. Übernahmen aus echten Büchern werden überhaupt nicht entdeckt.

Die besten Systeme fanden etwa 60 Prozent der Plagiatsfälle. Die schlechtesten nur etwa 20 Prozent. "Da können sie auch eine Münze werfen", so die Professorin. Einen gewissen Sinn würden die Anwendungen von solcher Software nur bei konkreten Verdachtsfällen machen und man andernorts nicht fündig geworden sei. Kurios: Ein Anbieter vermarktete auch Pornofilme. Ein anderer Anbieter bietet auch ein Programm an, das synonyme Begriffe in Texten so oft ersetzt, bis die Plagiats-software ihn nicht mehr als Plagiat erkennt.

"Plagiat ist ein soziales Problem zwischen Lernenden und Lehrenden, was man nicht mit Software lösen kann", resümiert die Professorin. Sie zeigte Verständnis für die schwere Aufgabe der Lehrer. "Wer solche Texte prüft, ist Polizei, Staatsanwalt, Richter und Justizvollzugsanstalt. Ich möchte das nicht sein."

Ein paar einfache Tipps hatte Debora Weber-Wulff am Ende für die Lehrer aber doch. "Geben Sie nur drei bis fünf Wörter in Google ein und suchen Sie. Google misst die Nähe der Wörter und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen." Auch sollte man für diese Prüfung Substantive verwenden. "An Verben und Adjektiven schrauben die Schüler gern herum." Wichtig sei, das Plagiat zum Thema im Unterricht zu machen. Die Kultur des Zitierens will gelernt sein.

Prof. Debora Weber-Wulff hat eine 90minütige Lerneinheit über das Plagiat für Schulen geschrieben. Diese Arbeit mit dem Titel "Fremde Federn finden" ist im Internet abrufbar. Zum Thema führt die Professorin auch ein eigenes Blog-Tagebuch.

http://Plagiat.htw-berlin.de/ff http://copy-shake-paste.blogspot.com