Magdeburg (dapd). 14 Lkw-Ladungen mit Umzugskisten müssen Archäologe Rainer Kuhn und seine Mitstreiter in ihrem Magdeburger Domizil auspacken. Die Funde der Grabungen rund um den Magdeburger Dom sollen gereinigt, sortiert und katalogisiert werden. Kuhn wünscht sich, dass sie später einen Platz in einem neuen Museum unweit des Doms finden werden.

Kuhn hatte 1998 die Leitung der Notgrabungen übernommen. Damals waren Bauarbeiter bei der Verlegung von Abwasserleitungen für ein Toilettenhäuschen auf ein gemauertes Grab aus dem 10. Jahrhundert gestoßen. Der gebürtige Schwabe wollte eigentlich nur sechs Monate bleiben. "Daraus sind jetzt 13 Jahre geworden." Aber Kuhn hat es nie bereut, sich für Magdeburg entschieden zu haben. Die Stadt habe schon damals in Archäologenkreisen einen guten Ruf gehabt, sagt er.

Die Forschungsgrabungen auf dem Domplatz förderten schließlich die Reste einer Kirche mit Gräbern innerhalb des Gebäudes zutage. Damit sei die These widerlegt, dass dieser Bau die Kaiserpfalz Ottos des Großen gewesen sei. Für die Archäologen stellte sich dann die Frage, ob der ottonische Dom die Kirche unter dem Domplatz gewesen sei oder ob er sich an der Stelle des heutigen Doms befunden habe.

Auf der Suche nach Antworten begannen Kuhn und seine 16 Mitstreiter am 1. September 2006, im Dom selbst zu graben. Bis Ende 2010 suchten sie unter der Kathedrale nach Spuren der Vergangenheit. Am Westabschluss seien eine Krypta und auch ein Westquerhaus gefunden worden, sagte Kuhn. Zudem verweist er auf den Fund zweier besonderer Gräber: "Das des Erzbischofs Wichmann ist wissenschaftlich so interessant, weil es nie umgebettet wurde. Das der Königin Editha ist gerade durch seine vielen Umbettungen so wertvoll." Nachdem Ende November der letzte Grabungsschnitt im Dom verfüllt wurde, steht jetzt die Auswertung an. Nach Kuhns Einschätzung werden für die Aufarbeitung drei Jahre und für die wissenschaftliche Auswertung fünf Jahre benötigt. Insgesamt wurden über 9000 Befunde verzeichnet, 1500 Zeichnungen angefertigt, 250 Gräber entdeckt. 41000 Fotos müssen ausgewertet und wissenschaftliche Gutachten in Auftrag gegeben werden.

Kuhn glaubt, "dass der Ottonische Dom sich ab der Jahrtausendwende am Standort des gotischen Doms befunden hat". An sechs Stellen wurden unter der Kathedrale Brandspuren aus dem Jahr 1207 gefunden. Damals war der Ottonische Dom einem Stadtbrand zum Opfer gefallen. "Insofern gehe ich davon aus, dass der Dom vom 11. bis ins frühe 13. Jahrhundert hier gestanden hat", sagt Kuhn. Auf der anderen Seite gebe es einen bemerkenswerten Mangel von Fundstücken aus dem 10. Jahrhundert. Daher glaubt Kuhn, dass Otto seinen Dom auf dem Domplatz errichten ließ und die Kirche später umgezogen ist. Er ist sich aber sicher, dass die archäologischen Befunde seine These vom Standortwechsel erhärten.