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Schweres Zugunglück bei Magdeburg: Mindestens 10 Tote
Schweres Zugunglück bei Magdeburg: Mindestens 10 ToteEs ist eines der schwersten Unglücke seit Jahren in Deutschland: In der Nacht zum Sonntag ist in Sachsen-Anhalt ein Regionalzug mit einem Güterzug kollidiert. Dabei gab es zehn Tote und 40 Verletzte.

Einwohner des Oschersleber Ortsteils Hordorf sind in der Nacht zum Sonntag als erste am Ort des schweren Zugunglücks. Sie beginnen sofort, den verunglückten Passagieren zu helfen. Wenig später treffen zahlreiche Rettungskräfte aus der gesamte Region ein und übernehmen die Rettungs- und Bergungsarbeiten.

Hordorf. Als in der Stube von Rudi Pape im Oschersleber Wohngebiet Wasserrenne am Sonnabend der Tisch wackelt, ist es 22.24 Uhr. "Ich habe gleich zur Uhr geschaut und gedacht, dass es mal wieder auf der Kreuzung nebenan gekracht hat", berichtet Pape gestern der Volksstimme. Doch auf der Kreuzung war nichts zu sehen. Wie auch, die Ursache für die Erschütterung in der Oschersleber Wasserrenne war ja kein Autounfall nebenan, sondern ein schweres Zugunglück im fünf Kilometer entfernten Hordorf.

Dort werden zu diesem Zeitpunkt die Wohnhäuser noch etwas stärker erschüttert. Etliche Dorfbewohner werden aus dem Fernsehsessel oder aus dem Schlaf hochgeschreckt. Einige von ihnen begeben sich sofort auf den Weg, um zu schauen, was passiert ist. Am Unglücksort bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Vor ihnen liegt ein völlig zerstörter Personenzug, Menschen irren umher und rufen um Hilfe. Viele von ihnen sind völlig verzweifelt. Tote liegen am Bahndamm.

Die ersten Hordorfer, die am Ort des Geschehens eintreffen, beginnen sofort mit Rettungsmaßnahmen. Nach Benachrichtigung der Rettungsleitstelle packen sie selbst an, helfen den leichter verletzten Passagieren aus dem Zug. Dafür holen sie auch Leitern herbei, so dass die Frauen, Männer und Jugendlichen aus dem Zug-Wrack ins Freie klettern können.

Damit diese Verletzten nicht in der Kälte auf die ersten Rettungsfahrzeuge warten müssen, öffnet die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, deren Gemeindezentrum sich unmittelbar neben dem Unglücksort befindet, ihren Saal. So finden die Verletzten eine erste Unterkunft in der eisigen Frostnacht.

Etwa 20 Minuten nach dem Unglück kommen die ersten Rettungsfahrzeuge. Die Hordorfer Feuerwehr unter Leitung des stellvertretenden Wehrleiters Michael Lossin trifft als erste Wache ein, wenig später folgen Löschzüge der Oschersleber Feuerwehr mit 20 Leuten. "Ich habe erst in Höhe des Bahnhofs den unversehrten Güterzug stehen sehen und mich über die Alarmierung etwas gewundert", so Oscherslebens Wehrleiter Günther Mathias junior später. Doch ein paar Meter weiter fährt dem gestandenen Feuerwehrmann der Schreck in die Glieder: "Oh mein Gott, da liegt ja ein Personenzug auf dem Acker!"

Die Wehrleiter organisieren den Einsatz ihrer Leute, während weitere Rettungsfahrzeuge, Ärzte, Feuerwehren, Polizei und das Technische Hilfswerk am Unglücksort eintreffen. Nur wenig später werden die ersten Schwerverletzten in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Die ersten Toten werden aus dem Wrack geborgen.

Die Einsatzleitung aller am Unglücksort eingetroffenen Helfer hat inzwischen die Polizeidirektion Magdeburg übernommen. Trotzdem bleiben viele Hordorfer vor Ort, um weiter zu helfen. So unterstützen viele Ehefrauen der Hordorfer Feuerwehrmänner den Einsatz. Sie geben Opfern Beistand und helfen bei der Versorgung der vielen Menschen, die bei diesem Einsatz körperlich und auch psychisch unter großer Anspannung stehen. Mehrere Notfallseelsorger des Landkreises Börde leisten in der Nacht ebenfalls Beistand – nicht nur den verletzten Opfern, sondern auch den Einsatzkräften.

Noch in der Nacht machen sich auch Staatssekretär Rüdiger Erben, der Oscherslebener Bürgermeister Dieter Klenke und Ordnungsamtsleiter Gerd Ludwig ein Bild vom Geschehen. Sie loben später ganz besonders den Einsatz der Hordorfer, die nach dem Unglück sofort an den Bahndamm geeilt waren, um Hilfe zu leisten. "Dieser selbstlose Einsatz ist gar nicht hoch genug einzuschätzen", sagt Bürgermeister Klenke und schließt dabei auch die vielen freiwilligen Feuerwehrleute mit ein.

Für die ist vor allem die Bergung der Toten eine große Herausforderung. Bei den beiden letzten Opfern gestaltet sich die Bergung aus dem Wrack heraus sehr schwierig. "Für diese Aufgabe habe ich meine erfahrendsten Feuerwehrmänner genommen", berichtet Wehrleiter Mathias später. Erst gegen sechs Uhr früh ist der Einsatz beendet.

Die inzwischen alarmierten Feuerwehrleute aus Groß Germersleben und Klein Oschersleben bleiben am Unfallort zurück und übernehmen die Brandwache. Denn es ist nicht auszuschließen, dass sich ausgelaufener Dieselkraftstoff entzündet. Für die Hordorfer und die vielen anderen Helfer geht eine Nacht zu Ende, die wohl noch sehr lange in Erinnerung bleiben wird.

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