" Knüppel, Kerzen, Dialog. Die friedliche Revolution 1989 / 90 im Bezirk Magdeburg " ist der Titel der jüngsten Neuerscheinung auf dem Büchermarkt zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Wilfried Lübeck und Gerhard Ruden, die beiden Autoren, stellten ihr Werk am vergangenen Freitagabend den mehr als 100 Besuchern in der Magdeburger Stadtbibliothek vor. Von Wolfgang Schulz

Magdeburg. Leipzig, Dresden, Berlin, Plauen, das sind die Städte, die 20 Jahre nach dem Mauerfall immer wieder als Zentren der friedlichen Revolution genannt werden. Aber Magdeburg, Halberstadt und Stendal brauchen sich nicht zu verstecken, wenn es um die Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte geht. Dieser Meinung sind jedenfalls Wilfried Lübeck und Gerhard Ruden und beweisen das in ihrem Buch über die Ereignisse 1989 / 90 im Bezirk Magdeburg. Entstanden ist mehr als eine Materialsammlung, weil die rund 80 Seiten Anhang mit Dokumenten zuvor " abgeglichen mit den Erinnerungen von Zeitzeugen sind ", wie Ruden sagte.

" Die friedliche Revolution in Stadt und Bezirk Magdeburg ... war das Ergebnis des entschlossenen Handelns von Couragierten, die erst ein paar Menschen, dann ein paar mehr und schließlich Zehntausende auf die Straßen brachten ", schlussfolgern die Autoren. Ihre Erinnerungen an Ereignisse im Herbst, untermauert durch Auszüge aus Protokollen der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit, sowie zahlreiche Fotos belegen diese Aussage.

Die Situation in den letzten Jahren der DDR beschrieb Lübeck an diesem Abend anhand von " drei faulen Eiern ", die die SED selbst gelegt habe und die zur Verschärfung der Lage beigetragen hätten.

Das erste " faule Ei " sei die Reaktion der SED auf die Demonstration zum Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1988 in Berlin gewesen. DDRGegner hatten ein Plakat mit dem Zitat von Luxemburg " Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden " enthüllt und wollten damit den kommunistischen Machthabern einen Spiegel vorhalten. Das SED-Politbüro reagierte äußerst heftig. Der Druck auf die Oppositionsbewegung nahm deutlich zu.

Als " zweites faules Ei " bezeichnete Lübeck das Verbot der Zeitschrift " Sputnik " im November 1988. Spielte das Blatt in den Jahren zuvor kaum eine Rolle, änderte sich das im Zeichen von Glasnost und Perestroika. Jetzt erschienen im " Sputnik " Beiträge über Fehlverhalten der KPdSU und sowjetischer Einrichtungen sowie über die stalinistische Verfolgung. Das Verbot habe die Empörung und Unzufriedenheit in der DDR-Bevölkerung gesteigert, so die Autoren.

Das " dritte faule Ei " schließlich war der Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. Die Autoren beschreiben nacherlebbar die Stimmung in der Bevölkerung im 40. Jahr der DDR, das nach dem Willen der SED zu dem erfolgreichsten in der Geschichte des Staates werden sollte. Entlarvend sind die Reaktionen von Stasi-Chef Erich Mielke auf die Flut von Anzeigen wegen Wahlbetruges. Am 19. Mai 1989 bezeichnete er die Proteste und Eingaben als " rechtswidrig, provokativ und feindlich ". Er entwarf sogar ein Antwortschreiben, in dem festgestellt wurde, dass im Zusammenhang mit den Wahlen " keine Anhaltspunkte für den Verdacht einer Straftat vorliegen ". Hartnäckige feindliche Personen wollte er durch Operative Personenkontrollen und in Operativen Vorgängen überwachen lassen. Die Antwort waren unter anderem 3500 Ausreiseanträge im Bezirk Magdeburg, sagte Lübeck.

Bei der anschließenden Diskussion wurde auf ein Problem im Zusammenhang mit der Aufarbeitung aufmerksam gemacht. Dabei ging es um Berichte, Erlebnisse, Niederschriften von Zeitzeugen. " Die Menschen, die den Herbst ’ 89 erlebt und mitgestaltet haben, werden älter und sind eines Tages nicht mehr da ", sagte Ruden, der Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Er appellierte deshalb an alle, die diese Zeit bewusst erlebten, sich zu erinnern, die Erlebnisse aufzuschreiben oder mündlich weiterzugeben und Dokumente aus dieser Zeit zur Verfügung zu stellen.