Im Alter werden negative Charakterzüge verstärkt, heißt es. Viele Angehörige können ein Lied davon singen und klagen über den Starrsinn ihrer Eltern. In vielen Fällen hilft es, sich aus heiklen Debatten zurückzuziehen und unbeteiligten Dritten das Feld zu überlassen.

Den Führerschein abgeben, weil man nicht mehr gut hören oder sehen kann? Auf keinen Fall! Sich vielleicht eine Putzfrau nehmen, weil man mit dem Saubermachen überfordert ist? Kommt nicht infrage, was sollen Freunde und Nachbarn denken! Viele Angehörige kennen solche Diskussionen. Sie beschleicht das Gefühl, dass ihre Eltern im Laufe der Jahre immer starrsinniger werden. In solchen Momenten ruhig und beherrscht zu bleiben, ist leichter gesagt als getan.

Ob jemand im Alter schwer umgänglich wird, ist abhängig davon, was ein Mensch im Laufe seines Lebens erfahren hat. Erwachsene Kinder sollten sich deshalb fragen: "Was beschäftigt meine Eltern? Welche Werte stecken dahinter?", sagt die Gerontologin Sonja Ehret vom Institut für Gerontologie in Heidelberg.

Wer sich um seinen Vater sorgt, der noch Auto fahren will, sollte mit ihm gemeinsam über seine Bedürfnisse sprechen. Das rät der Sozialwissenschaftler Ingo Behr von der Landesstelle Pflegender Angehöriger in Nordrhein-Westfalen. Braucht er das Auto vor allem zum Einkaufen und für gelegentliche Arztbesuche? Dann ist ein Taxi nicht nur sorgloser, sondern auch sparsamer.

Die Ängste der Kinder, der Vater könne mit dem Auto verunglücken, seien nicht die Ängste der Eltern, warnt Sonja Ehret. "Jeder hat seine eigenen Motive", ergänzt Ingo Behr. Bestimmte Befürchtungen können Eltern deshalb nur schwer nachvollziehen und fühlen sich bevormundet. Appelle an das Verantwortungsgefühl wie: "Stell dir vor, du verursachst einen Unfall. Du wirst dir immer Vorwürfe machen", könnten dagegen eher verfangen."Außenstehender Dritter bildet ein Korrektiv.""Hinweise auf Defizite machen den Altersstarrsinn schlimmer", warnt Ingo Behr. Seinem Vater zu sagen, dass er nicht mehr gut genug Auto fahre oder Unterstützung bei der Körperpflege brauche, sei demütigend. Um Rechthaberei und Bevormundung zu vermeiden, sollten sich Kinder immer um das Gespräch auf Augenhöhe bemühen und versuchen, einen Konsens zu finden, rät Stephan Nowak. Er ist Bereichsleiter für die Altenhilfe in der Stiftung Tragwerk.

Kinder sollten ihre Eltern nie von oben herab belehren, empfiehlt Michael Kramps vom Seniorenbüro der Stadt Paderborn. Stattdessen müssten sie lernen, bei einigen Dingen beide Augen zuzudrücken. Jeder Mensch habe einen Anspruch auf Freiheit. Dazu gehöre auch, Hilfe nur auf Wunsch anzunehmen.

Laut Nowak stößt aber jeder irgendwann an seine Grenzen, so sehr er sich auch um eine wertschätzende Haltung bemüht. Kinder dürften ihren Eltern deshalb ruhig immer wieder deutlich machen, dass sie manche Dinge nicht mehr so gut können wie früher. Gleichzeitig sollte man ihnen zeigen: Wir suchen gemeinsam nach einer Lösung und gehen den Weg zusammen.

Altersstarrsinn wird problematisch, wenn die Wohnung aufgegeben werden muss und ein Altersheim die einzige Lösung ist. "Die Älteren reagieren sofort aggressiv und fühlen sich unverstanden", erzählt Sonja Ehret. Dennoch: Mit guter Kommunikation könnten Angehörige vieles erreichen. Sinnvoll ist es, andere Personen mit ins Boot zu nehmen. "Dritte lösen die Verhärtungen auf und lockern die starrsinnige Haltung", sagt Stephan Nowak.

Geht es um die Wohnung, das Auto oder die Körperpflege, sei es klug, wenn sich die Kinder aus der Diskussion zurückziehen und nahestehende Bekannte bitten, mit Vater oder Mutter zu reden. Michael Kramps berichtet, dass Familienangehörige bei existenziellen Themen oft bedrohlich wahrgenommen werden. "Die will mir was!", könnte die Mutter denken, wenn die Tochter ihr sagt, dass sie beim Waschen und Anziehen Hilfe braucht.

Freunde oder Bekannte bekommen eher einen Zugang zu den Eltern. "Ein außenstehender Dritter bildet ein gesundes Korrektiv", sagt Kramps. Ingo Behr rät Angehörigen, auf keinen Fall allein mit den Eltern fertig werden zu wollen. Wer im Freundeskreis niemanden hat, kann sich auch an den Hausarzt, Pfarrer oder Hilfswerke wenden. (dpa)

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