Magdeburg / Kopenhagen. Die Verbände machen ernst : Am Tag, als die Korruptions-Krise die WM-Ebene erreichte, ging die Europäische Handball-Föderation ( EHF ) in die Offensive. Nicht einmal 24 Stunden nach dem Deutschen Handballbund ( DHB ) leitete auch Europas Dachverband die Fahndung nach versuchter Bestechung von Schiedsrichtern ein. Am Dienstag verschickte der Verband an alle Unparteiischen und Delegierten aus den vergangenen vier Jahren Fragebögen.

" Wir gehen an die Basis. Das sind fünf Fragen, in denen wir um präzise Aufklärung bitten, was den Einzelnen begegnet ist. Das machen wir in Rasterform und werden es dann verfeinern. Wir setzen das parallel zum DHB um ", sagte EHF-Generalsekretär Michael Wiederer.

Nach Aussage des EHF-Generalsekretärs werden nun anhand der Fragebögen etwa 4000 Spiele überprüft, an denen 300 Schiedsrichter und 150 Delegierte beteiligt waren. " Vier Jahre haben wir deshalb gewählt, um auch das besagte Spiel von Lemme / Ullrich erfassen zu können ", sagte der Funktionär. Die vom Spielbetrieb suspendierten Magdeburger Referees Frank Lemme und Bernd Ullrich hatten einen Bestechungsversuch vor dem Final-Rückspiel im Europapokal der Cupsieger zwischen Medwedi Tschechow und BM Valladolid im April 2006 verschwiegen. Am Folgetag waren bei der Ausreise vom russischen Zoll 50 000 Dollar in Ullrichs Gepäck gefunden worden. Beide bestreiten, das Geld genommen und Spiele manipuliert zu haben.

Am Montagabend hatte der DHB Lemme und Ullrich suspendiert und einen umfangreichen Maßnahmenkatalog beschlossen. Dazu gehört auch die Befragung aller Schiedsrichter, die in den letzten drei Jahren aktiv gewesen sind. Zudem wird ein Sachverständigen-Gremium unter anderem mit Männer-Bundestrainer Heiner Brand und seinem ehemaligen Frauen-Kollegen Armin Emrich eingesetzt, das von auffälligen Spielen unabhängige Analysen vornehmen soll. " Wir haben ähnliches bisher schon gemacht, nur praktikabel und nicht instrumentalisiert ", sagte Wiederer. Bei Beschwerden von Clubs würden Analysten eingesetzt, die beurteilen würden, ob Schiedsrichter einfach nur schlecht waren oder tendenziös gepfiffen hätten.

Zuvor hatten bereits Lemme / Ullrich in der Volkstimme ( Dienstagausgabe ) Vorwürfe gegen die EHF gerichtet. Nach Meinung von Ullrich würden in der Vergangenheit Schiedsrichter, die einen Bestechungsversuch meldeten, nicht mehr eingesetzt. " Wir wussten aus Gesprächen mit Kollegen, wie die EHF reagiert, wenn ein Bestechungsversuch angezeigt würde : Die Schiedsrichter wurden aus dem Verkehr gezogen, die betreffenden Vereine hingegen kamen ungeschoren davon. " Wiederer wies die Vorwürfe vehement zurück : " Das ist absolut unrichtig. "

Derweil konnten die Verantwortlichen beim THW Kiel vorerst aufatmen. Ein Bericht der EHF zur Analyse des gewonnenen Final-Rückspiels in der Champions League 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt entlastete den Meister vom Verdacht der Spielmanipulation, weil keine Anhaltspunkte dafür gefunden wurden. " Dieses Ergebnis der EHF ist alles andere als überraschend für uns. Es bestätigt nur, was wir gesagt haben ", betonte ein THW-Sprecher. Der Verband hatte nach einer Kontrolle der Partie dem polnischen Schiedsrichter-Gespann eine " harmonische Spielleitung " attestiert. Zudem zeuge die Ansetzung von 53 Referee-Gespannen aus 27 Ländern in weiteren 83 internationalen Begegnungen der Kieler zwischen 2000 und 2009 von Ausgewogenheit.( dpa / jb )