Sie träumen von der großen Sportkarriere und nehmen dafür weite Wege in Kauf. Jahr für Jahr wechseln junge Athleten aus dem Jerichower Land zu den Sportschulen nach Magdeburg und Halle. Ob Kanuten, Ruderer, Fußballer, Handballer, Judoka, Leichtathleten oder Schwimmer, die Vereine des Kreises haben schon viele Talente zu den Leistungszentren des Landes "delegiert". Einen ersten Schritt hat auch Michelle Strauch aus Hohenwarthe getan. Die zehnjährige Schwimmerin startet für den SC Magdeburg und wird demnächst die Sportschule besuchen.

Hohenwarthe. Stolz breitet Michelle ihre Medaillensammlung auf dem Wohnzimmertisch aus. Feinsäuberlich hat sie das Edelmetall sortiert, die Goldenen in die grüne Kiste, die Silbernen und Bronzenen in die rote Kiste, daneben steht der Pokal vom Weihnachtssportfest. Und auch die extra großen Plaketten von der Vereinsmeisterschaft haben in einer schwarzen Schatulle ihren Platz gefunden. "Die von der Landesmeisterschaft sind am Wertvollsten", sagte die Zehnjährige und lächelt.

Und Michelle hat schon viel gewonnen. Bereits mit fünf Jahren begann sie mit dem Schwimmsport beim SC Hellas Burg. "Ein Jahr zuvor haben wir ihr das Schwimmen beigebracht, im Urlaub in der Türkei", sagt Mutti Ines. Schon damals war absehbar, dass Michelle ihr Element gefunden hat. Nein, Angst habe sie nie vor dem Wasser gehabt, sagt das aufgeweckte Mädchen, vielmehr habe sie im Becken immer "viel Spaß".

"Der Ehrgeiz darf nicht auf der Strecke bleiben"

Der Spaß steht auch noch heute, fünf Jahre nach ihren ersten Schwimmversuchen, im Vordergrund. "Das muss auch so sein. Aber der Ehrgeiz darf dabei nicht auf der Strecke bleiben", sagt ihre Mutter. Ines Fahrig weiß genau, wovon sie spricht, war sie doch selbst viele Jahre als Schwimmerin aktiv und durchlief die Kinder- und Jugendsportschule. Sie kennt die Höhen und Tiefen, die ein Leistungssportler durchlebt, kann ihrer Tochter nachempfinden. "Entscheiden muss sie das aber selbst. Und wenn sie irgendwann nicht mehr will, dann muss ich das auch akzeptieren."

Michelle will, nimmt dafür schon jetzt als Grundschülerin weite Wege in Kauf. Fünfmal pro Woche pendelt sie zwischen ihrem Wohnort Hohenwarthe und der Trainingsstätte des SC Magdeburg. Sie gehört seit 2008 der Gruppe von Trainer Herbert Schirrmeister an. "Der hat schon mich trainiert", sagt Ines Fahrig und lacht.

Die Mutter ist bereit, die Belastungen ihrer Kinder mitzutragen. Frühmorgens bringt sie Michelle und Zwillingsbruder Pascal (er spielt beim SCM Handball) zur Schule nach Möser, dann arbeitet sie bis 13 Uhr, ehe sie ihre Schützlinge zum Training nach Magdeburg fährt. Dazwischen trainiert sie selbst beim SC Hellas Burg den Nachwuchs, ehe sie am Abend ihre Kinder wieder abholt. Hinzu kommen die zahlreichen Wettkämpfe am Wochenende. "Früher war das alles vom Verein aus geregelt, heute müssen die Eltern vieles selbst stemmen", sagt Fahrig, die gemeinsam mit Lebenspartner Alexander Valentin, ebenfalls Schwimmtrainer, den Alltag meistert – eine echte Schwimmerfamilie eben.

"Die Trainer schauen wie groß die Eltern sind"

Sie tut es gern, erst recht, wenn Michelle wieder mit einer Medaille um den Hals freudestrahlend nach Hause kommt. Und Talent bringt die Zehnjährige quasi von Hause aus mit. "Die Trainer schauen immer zuerst die Eltern an, ob diese groß gewachsen sind. So war es früher, so ist es heute", schildert die einstige Leistungssportlerin das Auswahlverfahren beim Club. Michelle weist jedenfalls die richtigen Maße auf, setzt außerdem die Dinge, die ihr vermittelt werden sehr schnell um. "Ich mag eher die längeren Strecken, meist Kraul und Rücken", zählt Michelle ihre Lieblingsdisziplinen auf.

Und dies spiegelt sich auch in den Ergebnislisten wieder. Bei der Landesmeisterschaft 2010 siegte sie über 50 m Freistil, ließ dabei 35 Konkurrentinnen klar hinter sich. Über 50 m Brust, "bei denen ich nicht so meinen Rhythmus finden kann", reichte es dagegen nur zu Rang neun. Hinzu kamen weitere Titel beim Einladungsschwimmfesten in Magdeburg, Halle und Leipzig und erste Erfahrungswerte beim Zehn-Länderkampf in Berlin.

Für 2011 peilt das Talent wieder gute Ergebnisse bei den Landesmeisterschaften an. Viel wichtiger ist jedoch ab September der Wechsel an die Sportschule nach Magdeburg. Dann wird es, das wissen Mutter und Tochter, ernst. "Zweimal Training am Tag, dazu Schule und abends Hausaufgaben machen", zählt Ines Fahrig auf. Sie weiß nur allzu gut: Der Weg zum Spitzenschwimmer ist weit, die Auswahl später knallhart. "Wer die Zeiten nicht bringt, fliegt raus."

Für Michelle spielt all das derzeit noch keine so große Rolle. "Sie soll noch Kind sein, sich auch mal mit einer Freundin privat hier zum Spielen treffen. Das Schlimmste wäre, wenn wir jetzt übermäßig Druck ausüben", sagt die Mama. Vielmehr erfreut sich die Familie an Michelles vielen Medaillen, die sich in roten und grünen Kisten angesammelt haben.

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