An seine Grenzen stößt derzeit die Nachwuchsabteilung des VfB Germania Halberstadt. Über die Gründe unterhielt sich Sportredakteur Florian Bortfeldt mit Leistungszentrumstrainer Thomas Waldow, Abteilungsleiter Frank Butzke und Nachwuchsverantwortlicher Holger Eheleben.

Herr Butzke, der VfB Germania produziert in diesen Wochen in erster Linie positive Schlagzeilen. So gab es kürzlich einen Preis für die gute Nachwuchsarbeit.

Frank Butzke. Völlig richtig, der Verein wurde mit dem "Grünen Band" für seine vorbildliche Nachwuchsarbeit ausgezeichnet. Verantwortlich dafür ist in erster Linie unser Leistungszentrum mit Trainer Thomas Waldow an der Spitze. Im Übrigen ist das im Rahmen dieser Veranstaltung die Sportart betreffend einmalig in Sachsen-Anhalt bzw. ganz Deutschland.

Holger Eheleben: Die Auszeichnung selbst soll am 11. November erfolgen. Wir hatten uns mit einem intensiv ausgearbeiteten Konzept den Nachwuchs betreffend beworben, das Ganze im Mai eingereicht. Die Jury hat uns ausgewählt. Vor zwölf Jahren bekam der Verein diese Auszeichnung schon einmal.

Der leistungsorientierte Fußball, der mit seinem Nachwuchszentrum eine optimale Basis hat, stößt aber aktuell an seine Grenzen. Warum?

Thomas Waldow: Mittlerweile melden sich so viele Kinder an, dass wir vor großen Herausforderungen stehen. Die Platzkapazitäten im Stadion sind begrenzt, da entstehen irgendwann zwangsläufig schwierige Verhältnisse beim Training.

Butzke: Wir reden von etwa 350 Kindern und Jugendlichen, 17 Übungsleitern und Trainern, die seit Wochen am Rotieren sind. Alle arbeiten mehr als sie müssten, als Ehrenamtliche.

Wenn die Anmeldezahlen derart hoch sind, muss man als Verein dann nicht - provokativ gefragt - irgendwann den Riegel vorschieben?

Waldow: Nein, denn was unseren Verein angeht, haben wir uns die soziale Verantwortung auf die Fahnen geschrieben. So lange es möglich ist, werden wir wir für eine vernünftige Betreuung sorgen. Einer der Vereinsgrundsätze, auch in der Bewerbung für das "Grüne Band" nachzulesen, und übrigens von unserem Ehrenpräsidenten Wolfgang Bartel ins Leben gerufen, lautet "Kinder von der Straße holen".

Eheleben: Als Kriminalbeamter sehe ich parallel zum Vereinsleben das tägliche Leben. Ich kann behaupten, dass kriminelle Jugendliche selten in einem Verein aktiv sind. Im Umkehrschluss heißt das für uns, wir müssen dem Nachwuchs eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung bieten, Werte vermitteln. Klar, der Spagat wird immer schwieriger, sind uns doch inzwischen gerade bei den Jüngsten klar die Grenzen gesetzt. So gibt es aktuell eine vierte E-Junioren-Mannschaft und auch etliche F-Junioren.

Welches sind die Gründe dafür, dass ausgerechnet dem VfB Germania "die Türen eingerannt" werden?

Waldow: Die sind vielfältig wie plausibel: Der deutsche Fußball schwimmt derzeit auf einer Erfolgswelle, siehe Weltmeisterschaft und Bundesliga, auch im internationalen Vergleich gesehen. Das erkennen wir im Training an den Trikots der Kinder. Viele Kinder möchten Fußball spielen. In Halberstadt gibt es außerdem keinen anderen Verein, der Nachwuchsfußball anbietet. Und, das sollte man keinweswegs vergessen, durch unser Leistungszentrum bieten wir eine qualitativ sehr gute Ausbildung an.

Im Detail, was verhindert derzeit den vernünftigen Trainingsbetrieb beim VfB?

Eheleben: Der Punkstpielbetrieb läuft bis Dezember. Bis dahin versuchen wir immer, draußen zu bleiben. Belegungen sind aber schwierig - jetzt, da auch die Zeitumstellung erfolgt, es früher dunkel wird, aber nur zwei Flutlichtplätze zur Verfügung stehen. Die erste Männermannschaft genießt legitimerweise die höchste Priorität. Es ist jedoch mit einem geplanten Kunstrasenplatz eine erste Lösung in Sicht.

Butzke: Wir haben aktuell eine Überauslastung, die den Nutzungsgrad um das Dreifache überschreitet. Die große Herausforderung besteht darin, alle Kinder und Jugendlichen im Trainingsbetrieb unterzukriegen. Erschwert wird das Ganze dadurch, dass die Stadt das Nutzungsrecht der Spiegelhalle, einer unserer Trainingsstätten, mit dem HT 1861 an einen anderen Verein vergeben hat. Im Zuge dessen sind wir hier mit unseren Trainingseinheiten raus, es fehlen sieben Zeiten. Wir wollen vor allem bei den Eltern auf diese Situation aufmerksam machen, damit sie diese kennen.

Was sind die konkreten Lösungsansätze, um die Problematik zukünftig in den Griff zu bekommen?

Waldow: Wünschenswert wäre, wenn die anderen Fußballvereine - da spreche ich bewusst nicht die umliegenden Gemeinden an - sondern in Halberstadt, Eintracht und Fortuna, ihre Nachwuchsarbeit mehr forcieren würden. Wir haben auch Kontakt mit den Vereinen aufgenommen, ob deren Plätze zu nutzen sind. Dabei sind wir allerdings nicht gerade auf offene Ohren gestoßen. Mit dem Land und dem Kreis suchen wir die Gespräche, um Hallenzeiten zu bekommen. Es fehlen die Antworten. Auch bei der Stadt hoffen wir auf Zusammenarbeit.

Butzke: Ich will nochmal betonen, das Thema ist nicht neu. Seit Jahren verzeichnen wir einen stetigen Anstieg der Nachwuchs-Anmeldungen. Das Problem der Auslastung besteht seit Längerem, aber mit dem Wegfall der Spiegelhalle wird es akut. Wir waren dort jeden Wochentag vertreten. Es gibt inzwischen zwei Trainer, die je zwei Teams betreuen. Logisch, dass alle Beteiligten - Kinder, Eltern und Trainer frustriert sind. Wir möchten aufmerksam machen und hoffen auf Hilfe.