Aarhus l Auch eine Handball-EM ohne deutsche Mannschaft bleibt nicht ohne deutschen Anstrich. Lars Geipel und Marcus Helbig, das Schiedsrichtergespann aus Sachsen-Anhalt, ist für die schwierigen Fälle besonders gefragt - und verschmilzt auf dem Parkett zu einer Einheit.

"Wir haben bald silberne Hochzeit", eröffnet Lars Helbig das Gespräch im offiziellen EHF-Hotel in Herning und grinst dabei seinem Partner an. Seit 23 Jahren pfeift sich das Duo durch die Handball-Welt. Angefangen hat es mal mit einem Bezirksklassenspiel zwischen dem USV Halle und TuS Dieskau, mittlerweile werden sie immer dann gebraucht, wenn die schwierigen Spiele in der Liga oder auf internationalem Parkett bevorstehen.

Es ist für die besten Schiedsrichter der Bundesliga keine Frage, dass das, was sie verbindet, einer Ehe recht nahe kommt. Es bedarf mehr als der gemeinsamen Liebe für den Sport, damit beide - wie während der EM - sich drei Wochen wie ein altes Ehepaar ein Doppelzimmer teilen, ohne sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Die bislang größten Diskussionen in den Tagen in Dänemark gab es, als Lars Geipel darauf bestand, die Krimiserie "Wilsberg" im Fernsehen anzuschauen. Marcus Helbig räumte das Feld. "Man muss geben und nehmen", sagt Helbig.

Es ist beeindruckend zu beobachten, wie zwei völlig eigenständige Menschen mit einem individuellen Berufs- und Familienleben sofort zu einer Einheit verschmelzen, sobald sie der Handball zusammenführt. Anders könnte das Duo auf dem höchsten Niveau aber auch gar nicht erfolgreich sein. Zu leicht würde es den Spielern sonst gelingen, sie auf dem Feld gegen-einander auszuspielen.

Wichtiger als die Durchsetzung der Regeln ist für Geipel (38 Jahre) und Helbig (42) die Leitung des Spiels. "Man braucht Menschenkenntnis und ist in vielen Situationen als Psychologe gefragt, ganz klar", sagt Geipel. Wo es in einem Moment einer klaren Ansage bedarf, kann ein paar Augenblicke später wichtig sein, den Arm um einen Spieler zu legen, um die Gemüter zu beruhigen.

Im EM-Eröffnungsspiel gelang ihnen der Spagat perfekt. Ohne Probleme leiteten sie das Match, bei dem ganz Dänemark zuschaute. "Für so eine Partie eingeteilt zu werden, ist ein hoher Vertrauensbeweis", erklärt Helbig. Bei Gänsehautatmosphäre führten die Unparteiischen die Mannschaften aufs Feld, genossen den Augenblick und sogen ihn in sich auf. "Das ist nicht nur für die Spieler, sondern auch für uns besonders", schiebt Helbig nach.

Und für derlei Augenblicke opfern beide viel Freizeit und einen großen Teil ihres Urlaubs. Inzwischen können sie es auch intensiver genießen, nachdem sich ihr eigentliches Karriereziel vor anderthalb Jahren erfüllte. "Wir wollten einmal bei Olympischen Spielen dabei sein", verrät Geipel. In London machten sie ihre Sache so gut, dass sie für das Halbfinale bei den Herren zwischen Dänemark und Ungarn eingeteilt wurden. "Seither gehen wir etwas freier mit unserem Sport um", sagt Helbig. Für beide ist es keine Frage, dass sie einen Leistungssport ausüben, für ein Hobby ist der Aufwand, verbunden mit ständigen Fitnesskontrollen, viel zu groß.

Oft werden Menschen, wenn sie die Lockerheit gewinnen, weil sie Ziele erreicht haben, besser in dem, was sie tun. Geipel und Helbig haben die beste Zeit als Schiedsrichter deshalb vielleicht noch vor sich. Eventuell schon bei diesem Turnier, denn ein großes internationales Finale fehlt noch in der Vita. "Wir wollen hier so viele Spiele wie möglich pfeifen", sagt Helbig. Er weiß, dass bei der Einteilung der Schiedsrichter bei großen Matches viele Faktoren eine Rolle spielen, auch politische. "Wir können das nur begrenzt mit unserer Leistung beeinflussen", so Geipel.