Volksstimme: Herr Härtel, wie oft haben Sie sich schon über Ihren Wechsel vom beschaulichen Job als Nachwuchstrainer bei RB Leipzig in das "Haifischbecken" 1. FC Magdeburg geärgert?
Jens Härtel: Geärgert habe ich mich noch gar nicht. Der FCM ist ein richtig guter Verein mit einem super Umfeld. Deshalb habe ich meinen Wechsel noch keinen Moment bereut.

Mit dem sportlichen Abschneiden sind Sie nach einem Drittel der Saison sicher nicht zufrieden, oder?
Das ist richtig. Da brauchen wir nicht drumherum zu reden. Wir haben viel zu viele Niederlagen, zu viele Gegentore und zu wenig Punkte.

Warum läuft es nicht?
Das 1:2 am Sonntag gegen Neustrelitz muss man ein bisschen ausklammern. Die erste Halbzeit war die schlechteste Leistung, die wir diese Saison angeboten haben. Die ganze Mannschaft wirkte verunsichert und konnte die Vorgaben nicht umsetzen. Deshalb arbeiten wir jetzt noch mal an den Grundlagen. Wir wollen wieder etwas mutiger werden. Das ist allemal mehr wert, als das, was wir gegen Neustrelitz gezeigt haben.

Versteht die Mannschaft Ihre Spielphilosophie nicht?
Wir sind eigentlich gut in die Saison gestartet. Nach der Niederlage in Halberstadt haben wir versucht, ein bisschen gegenzusteuern und haben etwas tiefer stehend verteidigt. Was dabei herausgekommen ist, ist nicht gut gewesen. Obwohl wir kompakter in der Abwehr standen, fehlte uns trotzdem hinten die Null. Unsere Gegentore haben aber nichts mit unserer Spielphilosophie zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie wir aufgetreten sind.

Sind Sie mit dem Kader und seiner Zusammenstellung zufrieden? Passt das?
Der Kader hat auch in dieser Saison schon bewiesen, dass er Qualität besitzt. Jetzt gilt es für jeden einzelnen dies Woche für Woche zu beweisen. Erst am Ende der Saison wird man diese Frage abschließend beantworten können. Luft nach oben ist reichlich vorhanden.

Sind die sieben Neuzugänge vom Sommer Ihre Wunschspieler gewesen?
Durch meine Doppelbelastung mit meinem Job in Leipzig und der bevorstehenden Aufgabe hier in Magdeburg blieb nicht viel Zeit, um sich Spieler anzugucken. Das ist ein Stückchen zu kurz gekommen. Deshalb haben wir auf Spieler zurückgegriffen, bei denen wir wussten, was wir bekommen. Von der Vita her sind das alles gute Jungs. Das spiegelt aber nicht immer den aktuellen Leistungsstand wider.

Wie schwer wiegen die vielen Verletzungen?
Es sind natürlich Alternativen, die uns fehlen. Es ist immer gut, wenn ein gewisser Konkurrenzkampf herrscht und Typen auf dem Platz stehen.

Was können Sie tun, um für einen Umschwung in der Mannschaft zu sorgen?
Ich muss die positiven Dinge herausstellen, ohne die negativen Aspekte unter den Tisch zu kehren. Wir brauchen mehr Lockerheit, müssen aber trotzdem konzentriert arbeiten. Am Ende des Tages zählen aber nur Ergebnisse. Nach vier Niederlagen interessiert niemand mehr, wie man spielt. Auch ein ,dreckiger Sieg´ würde uns jetzt helfen.

War die Erwartungshaltung vor der Saison an die Mannschaft nach Platz zwei im Vorjahr zu groß? Oder war die Mannschaft gar leichtsinnig?
Leichtsinnig auf keinen Fall. Meisterschaftsfavorit zu sein, ist schon eine hohe Bürde. Das haben Jena oder Zwickau auch erlebt. Aus dem Windschatten zu kommen, ist immer einfacher. Und Leistung zu wiederholen, ist auch nicht so einfach.

Wie sehr ärgern Sie die Härtel-raus-Rufe und die vereinzelte Heroisierung von Vorgänger Andreas Petersen in der Fan-Szene?
Diesen negativen Äußerungen sind nicht angenehm, trotzdem darf ich mich davon nicht beeinflussen lassen und will meiner Linie treu blieben. Mit dieser Kritik muss ich leben.

Am Dienstag war trainingsfrei. Können Sie dann abschalten?
Nein, das schaffe ich in dieser Situation nicht. Mit etwas Abstand bei der Familie fällt es natürlich etwas einfacher. Aber eine Anspannung ist immer da. Und das ist auch gut so.

Was hilft jetzt der Mannschaft und Ihnen aus der misslichen Lage?
Ein Erfolgserlebnis muss her. Ohne Wenn und Aber. Sonst wird es noch schwerer.