Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 17.02.2010 23:00:00
Auf der Ehrenrunde schnappte sie sich die Deutschlandfahne, doch der gekünstelte Jubel über Silber konnte Jenny Wolfs unglaubliche Enttäuschung nicht überspielen. Selbst Stunden später im deutschen Haus hatte sich ihr Frust über die verpasste olympische Eisschnelllauf-Goldmedaille über 500 Meter noch nicht gelegt. "Es sind eher gemischte Gefühle, erst mal überwiegt aber die Enttäuschung." Frustbier oder Silber-Cocktail? "Weder noch. Ich bin einfach nur breit", schilderte Wolf ihre Gefühlslage. Entsetzt musste sie mit ansehen, wie ihre südkoreanische Rivalin Lee Sang-Hwa im Ziel des zweiten Laufes ganz dicht an ihr dran war und mit dem Wimpernschlag-Vorsprung von fünf Hundertstel-Sekunden triumphierte. "Ich wusste sofort: Das war‘s", gab Wolf später zu und machte nach der Enttäuschung trotzig eine Kampfansage: "Ich versuche es noch einmal in vier Jahren." Ihr Freund Oliver Lotze, der gemeinsam mit ihrem Vater Hartmut und Schwester Julia auf der Tribüne den Lauf seiner Liebsten verfolgte, versuchte sich gleich nach dem Rennen mit Motivationshilfen. "Ich weiß genau, was in ihr vorgeht. Sie sollte jetzt nicht traurig sein. Auch 2014 stehe ich an ihrer Seite." Dann wird die Sprinterin längst den Namen Lotze tragen. "Irgendwann im Sommer ist Hochzeit", bestätigte der Bundeswehr-Offizier. "Der Antrag ist lange gestellt." Lee hatte sich in 38,24 und 37,85 Sekunden als die Stärkere erwiesen und 24 Stunden nach Mo Tae-Bum das zweite Eisschnelllauf-Gold für ihr Land geholt. Wolf haderte nach dem "ungeliebten" Silber mit ihrer fehlenden geistigen Frische. "Ich war mir so sicher: Heute ist dein Tag, heute haue ich ein Ding raus. Aber dann war ich mental nicht stark genug, das zu bewältigen", bedauerte die 31-Jährige. Auch ihr Trainer Thomas Schubert blieb ehrlich: "Sie hat heute Gold verloren. Seit Jahren ist bekannt, dass zu einem 500-Meter-Rennen zwei Läufe gehören. Ein guter Lauf reicht nicht." Dabei hatte nach dem ersten Lauf trotz des Rückstands von sechs Hundertstel-Sekunden auf Lee noch allgemeine Zuversicht im deutschen Lager geherrscht. Eine missliche Pause nach dem Sturz der Niederländerin Annette Gerritsen und der anschließende Fehlstart von Lee hatten Jenny Wolf die Spannung geraubt und dienten als Begründung für den ungewöhnlich schwachen Lauf. Doch dann hielt Lee im Schlussgang des zweiten Laufes dem kraftvollen Endspurt der Favoritin stand, büßte nur zwei Hundertstel von ihrem Vorsprung ein und fiel ihrem Trainer nach dem Goldcoup vor Freude um den Hals.