Marilyn Monroe und Winston Churchill taten es, Bruce Willis, Julia Roberts und der "Graf" von "Unheilig" plagen sich damit und auch Tobias Haase hat ein Handicap: Er stottert. Der 31-Jährige geht jedoch offen damit um und will in Magdeburg wieder eine Stotterer-Selbsthilfegruppe ins Leben rufen. Am Mittwoch trifft sie sich zum ersten Mal.

Magdeburg. Tausende Magdeburger stottern. Im Alltag fällt das kaum auf, denn viele Betroffene üben Berufe aus, in denen sie wenig reden müssen oder halten sich weitgehend vom öffentlichen Leben fern. "Leider", sagt Tobias Haase. "Vermeidungsverhalten ist das Schlimmste, was man machen kann. Man isoliert sich und lässt sich durch das Stottern einschränken", weiß Haase.

Der gebürtige Rathenower hatte Glück, er konnte ohne diese Einschränkungen aufwachsen. Wie bei den meisten Betroffenen beginnt das Stottern bei ihm im Vorschulalter, doch er ist von Anfang an in logopädischer Behandlung, besucht in der 1. und 2. Klasse eine Sprachheilschule in Potsdam, lernt dort mechanische Sprechhilfen kennen. "Das Stottern war immer da, hat mich aber nicht so beeinträchtigt", erinnert sich Tobias Haase. Hänseleien und Mobbing musste er nie über sich ergehen lassen, weiß jedoch, dass er damit eine Ausnahme bildet.

"Viele Menschen wissen nichts über das Stottern und denken, wir sind geistig behindert. Auch Lehrer haben oft keine Ahnung, wie sie mit dem Stottern umgehen sollen", erzählt Bio-Chemiker Tobias Haase, der seit drei Jahren in Magdeburg lebt und am Institut für Immunologie der Otto-von-Guericke-Universität seine Doktorarbeit schreibt. Er konnte ganz normal die Schule besuchen, das Abitur machen, in Halle/Saale studieren.

Offen mit dem Problem umgehen

Stottern ist nicht heil-, aber gut therapierbar. Wer sich und sein Sprechverhalten wirklich ändern will, kann mit regelmäßigen Übungen beim Logopäden und im Alltag viel erreichen, so Haase. Neben Sprechtechniken, die bei Hängern helfen sollen, wollen die Logopäden vor allem die Angst vor dem Sprechen abbauen. Unter dem Schlagwort "non-avoidance" (Nicht-Vermeidung) lernen die Stotterer nicht nur, wie sie Sprechblockaden effektiv lösen können, sondern gehen auch an die Öffentlichkeit.

Der Besuch von Selbsthilfegruppen gehört deshalb zum Programm. Schon bei seiner Logopädin lernte Tobias Haase in der Gruppentherapie weitere Stotterer kennen. "Der Austausch und das gemeinsame Üben waren und sind sehr hilfreich", sagt er. Es sei faszinierend zu sehen, wie viel mit Behandlung möglich sei.

Verstärkt wurde sein Wunsch zur Gründung einer Selbsthilfegruppe außerdem beim Besuch des Stotterer-Kongresses in Berlin im vergangenen Jahr, wo sich 500 Stotterer trafen. "Du bist nicht allein, lautete mein Fazit, und: Stottern ist am Ende nicht so entscheidend", denkt Tobias Haase zurück.

"Ich frage bei Aldi nicht, wo etwas steht"

Er spricht zwar meist flüssig, zeigt aber wie jeder Stotterer ein gewisses Vermeidungsverhalten. "Wir telefonieren wenig, fragen im Supermarkt nicht, wo etwas steht und bestellen im Restaurant nicht, was wir gerne essen würden, sondern was leicht zu sprechen ist", erzählt Haase. Minutenlange Sprechblockaden und Grimassen in der Öffentlichkeit sind für Stotterer ein Albtraum und verstärken ihre Unsicherheit. SMS und das Internet haben das Leben deshalb sehr vereinfacht, Partnersuche und Kontakte knüpfen ist leichter, wenn man nur schreiben muss, statt Auge in Auge miteinander zu reden. "Das kann aber auch zum Vermeidungsverhalten werden. Richtige Freundschaften entstehen eben durch persönlichen Kontakt", weiß Tobias Haase, der seine Frau selbst im Internet kennenlernte.

Auch mögliche Arbeitgeber schrecken vor Stotterern zurück. Können sie Kundengespräche führen, Konflikte austragen, Vorträge halten? "Ja", sagt Tobias Haase, der diese Vorbehalte abbauen will. Offenes Verhalten komme immer gut an. Für Nicht-Stotterer gilt: Der Umgang mit Stotterern unterscheidet sich nicht von dem mit anderen Menschen. "Ausreden lassen, Augenkontakt halten, nicht helfen", rät Tobias Haase. Gut sei es, wenn man Stotternde darauf anspricht. Das entspanne die Situation.

Weil die meisten Menschen das eben nicht wissen, will er mit der Selbsthilfegruppe auch ihnen helfen und Aufklärungsarbeit leisten. "Ich kann mir Info-Abende, Beratungen für Eltern stotternder Kinder, Vorträge in Schulen und natürlich einfach das Diskutieren und Austauschen untereinander gut vorstellen", sagt er.

Zum ersten Mal trifft sich die Stotterer-Selbsthilfegruppe am Mittwoch von 19 bis 21 Uhr im Gebäude der AOK, Lüneburger Straße 4. Voraussichtlich alle 14 Tage treffen sich die Gleichgesinnten. Interessierte können einfach vorbeikommen, Tobias Haase unter 5 59 20 12 anrufen oder eine E-Mail schreiben an stotterer-shg-md@gmx.de.