Als Helmut Hobohm am 16. Januar 1951 in der Straße Am Hopfengarten eine kleine Drogerie eröffnete, feierte seine Tochter Ute gerade ihren 15. Geburtstag. Wenn am morgigen Sonntag das Geschäft 60 Jahre besteht, darf sich natürlich auch die Tochter ein Gläschen gönnen: Sie wird 75. Die Drogerie gibt es noch immer – dank der starken Familienbande im Hause Hobohm.

Hopfengarten. Wer die "Lindenhof-Drogerie" betritt, geht auf eine Art Zeitreise. Der 1971 eröffnete Ladenneubau strahlt diese seltsame Mischung aus Ostalgie und Melancholie aus, die wohl nur jene nachempfinden können, die die Jagd nach Bückware aus DDR-Zeiten kennen.

Hier steht vieles von dem in den Regalen, was man früher kennt und noch heute produziert wird: Domal-Produkte aus Thüringen, die Oho-Serie aus Wittenberg, Velina aus Schwedt, Milwa aus Prettin, Novum-Seife aus Riesa, Fay aus Mügeln, Diamant-Farben aus Berlin, Caparol aus Köthen, Charlotte Meentzen-Kosmetik aus Radeberg oder Sämereien aus Erfurt. Selbst das berühmt-berüchtigte "Unkraut-Ex" aus Rudolstadt ist noch im Angebot – vorausgesetzt, man lässt seine Personalien in ein Buch einschreiben, das Ute Hobohm akribisch führt: "Das Mittel ist zwar große Klasse, aber auch gefährlich."

Ute Hobohm wird morgen 75 und ist die Erbin von Vaters ganzem Stolz. Helmut Hobohm war gelernter Drogist und ein Meister seines Fachs. Am 16. Januar 1951 hatte er in der Straße "Am Hopfengarten" in seinem 1949 gebauten Eigenheim seine eigene Drogerie eröffnet. Tochter Ute lernte Drogistin und stieg in Papas Laden 1954 ein. Als Helmut Hobohm 1966 starb, übernahm sie das Geschäft. Zu DDR-Zeiten brummte der Laden so gut, dass 1971 ein Neubau mit 65 Quadratmeter Verkaufsfläche eröffnet wurde. Vor allem Utes Ehemann Wolfgang (heute 73) hat sich auf dem Bau gequält: "Es gab ja immer wenig Baustoffe, da musste man erfinderisch sein und sich selbst irgendwie helfen."

In Spitzenzeiten hatte die Lindenhof-Drogerie drei Angestellte, drei Lehrlinge und Schlangen vor den Verkaufstischen.

Das ist lange her und nur dank ihrer Rente ist das Geschäft noch zu halten. Silke (46), eine ihrer beiden Töchter, will die Tradition um jeden Preis fortsetzen. "Ich habe die Drogerie fortgeführt, weil ich meinem Vater den Wunsch einfach nicht abschlagen konnte. Meine Töchter haben schon als Kinder mit im Geschäft geholfen, sie sind damit aufgewachsen und lieben den Laden", sagt Ute Hobohm.

Große Sprünge könne man mit den Umsätzen nicht machen, aber die dankbaren und oft überraschten Kunden entschädigten für ein Leben in eher bescheidenen Verhältnissen. Ute Hobohm erzählt von Männern, die teure Klempnereinsätze wegen verstopfter Rohre bezahlt hatten und dann in ihrer Drogerie dank des bekannten DDR-Baufan Laxyl allein den Schaden behoben. Sie erzählt von Kunden, die ewig nach Talkum, Schwefel, Salzsäure, Kalisalpeter oder Glycerin in kleinen Abpackungen gesucht haben und durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu ihr gekommen sind: "Ich höre nicht selten von Leuten den Satz: Mein Gott, ich könnte Sie küssen!"

Vor allem weiß sie, was sie da verkauft. Haushaltstipps für jedes Produkt gibt‘s gratis dazu. Das ist ein Grund für Kunden wie Sigrid Gödecke, die die Volksstimme auf das Drogerie-Jubiläum aufmerksam machte.