"10 000 Stunden für Ottos Enkel" ist ein Antrag der Fraktion SPD-Tierschutz-future!, der gerade in den städtischen Ausschüssen diskutiert wird. Im April soll der Stadtrat darüber entscheiden. Doch was verbirgt sich dahinter, was wollen die Antragsteller damit erwirken?

Magdeburg. Der Hintergrund für das Projekt, so erklärt Burkhard Lischka (SPD), der den Entwurf maßgeblich gestaltet hat, ist "die große Problematik fehlender Schulabschlüsse: 13,4 Prozent der Magdeburger Schülerinnen und Schüler haben im vorigen Jahr die Schulen ohne einen Abschluss verlassen. Für die betroffenen Jugendlichen ist das eine Katastrophe. Ohne Schulabschluss kein Ausbildungsplatz. Ohne Ausbildung keine Berufsperspektive."

Um das zu ändern, müssen Kinder aus "problematischen Verhältnissen" so früh wie möglich gefördert werden, betont Lischka. Möglichst im Grundschulalter. Als Grundlage vor dem Wechsel in die weiterführenden Schulen (Sekundarschule / Gymnasium).

Da soll der Antrag ansetzen. Von den Ergebnissen der Pisa-Studien wisse man, dass "Kinder aus benachteiligten Familien sich schwerer etwas erarbeiten können", so Lischka. Also sollten genau diese Kinder besonders gefördert werden, um ihre Startchancen zu verbessern. Die "10000 Stunden für Ottos Enkel" stünden dabei als Zahl jedoch mehr symbolisch. Zunächst müsse der Bedarf geprüft werden.

Die Bezeichnung "Ottos Enkel" ist dabei recht irreführend. Liegt doch die Assoziation zu Otto von Guericke nah und damit zu wissenschaftlicher bzw. Begabtenförderung.

Der Titel ist irreführend, gibt Lischka – darauf angesprochen – zu. Doch man habe etwas "Knackiges" formulieren wollen und keine lange Erklärung als Titel. Damit verbunden ist zudem die Anlehnung an die Otto-Kampagne der Stadt. Eine mögliche Fehlinterpretation auf Elite sei unbeabsichtigt. Aber die Diskussion über den Titel zeige, dass er Interesse weckt und das solle er auch.

Einigkeit herrscht in den Ausschüssen darüber, dass soziale Herkunft nicht über die Bildungschancen entscheiden darf. Nur das Wie entfacht Diskussionen.

Kritikpunkte sind u.a. die Frage der Koordination und der Finanzierung.

Laut Lischka soll die Umsetzung des Programms über das Sozialdezernat geregelt werden, im Zusammenwirken mit dem Schulverwaltungsamt.

Zum Thema Finanzen sagt er: "Ob Volkshochschule, AQB oder Bürgerarbeit – alles lassen wir uns was kosten, dafür gibt es ,Töpfe’. Da muss auch etwas für die Kinder machbar sein." Provokant formuliert er: "Als Kommune müssen wir dann eben entscheiden, was wichtiger ist: einmal mehr Laub fegen oder Kinderförderung."

Rosemarie Hein (Die Linke) befürchtet zudem durch das Projekt eine Schwächung der Schulen. Ihnen obliegt der Bildungs- und Erziehungsauftrag, nicht freien oder öffentlichen Einrichtungen. Deshalb gelte es, die Schulen so zu stärken, dass eine bessere Förderung der Grundschüler dort möglich ist.

Für Lischka reine "Polemik". "Natürlich würden wir gern für alle Kinder eine besondere Förderung gewährleisten. Doch das lässt die Haushaltslage bekanntermaßen nicht zu." Auch eine Ganztagsbetreuung, deren Förderung in der Diskussion angesprochen wurde, liegt nicht im Handlungsspielraum der Stadt. Das Schulsystem obliegt dem Land. "Deshalb müssen wir doch nicht darauf warten, dass sich etwas ändert", so Lischka, vielmehr müsse auch auf kommunaler Ebene nach Möglichkeiten gesucht werden.

Ähnlich reagiert er auf die Kritik, dass das Angebot nur für eine bestimmte Gruppe von Kindern angeboten wird und nicht wie von der Fraktion Die Linke vorgeschlagen für alle. "Natürlich wäre das ideal. Aber dafür reicht das Geld nicht." Bekannt sei außerdem, dass Kinder von besserverdienenden Eltern privat gefördert werden (können). Als Beispiel nennt er die Teilnehmer der Kinder-Uni. "Um diese Kinder brauchen wir uns keine Sorgen zu machen." Deshalb gehe es nicht darum "Kindern von Ärzten einen kostenfreien Volkshochschul-Kurs anzubieten, sondern jenen, die das nicht bezahlen können."

Die Ansätze der "10 000 Stunden für Ottos Enkel" könnten jedoch auch nur ein kleiner Baustein sein.

"Und wenn wir nur zehn Kindern zu besseren Startbedingungen verhelfen können, so sind es immerhin zehn, für die sich der Einsatz gelohnt hat." Nicht zuletzt, weil es "am Ende zehn weniger sind, die der Kommune auf der Tasche liegen, weil sie keine Arbeit haben".

Ein ähnliches Projekt gibt es in Mannheim. Dort laufe es erfolgreich seit über drei Jahren. "Es wäre eine Chance", so Burkhard Lischka.

Im Jugendhilfeausschuss wurde der Antrag in der vorigen Woche angenommen mit 9 Ja-Stimmen, 1 Nein-Stimme und 4 Enthaltungen.

Als Nächstes berät der Ausschuss für Familie und Gleichstellung (am 5. April). Danach wird das Thema auf der Agenda des Stadtrates stehen: Am 28. April wird abgestimmt.

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