Chronisch defekt und als Müllhalde missbraucht – der Behinderteneingang hinter dem Schauspielhaus und eine kaputte Klingel am Vorder- eingang hätten beinahe den Theaterabend der Familie Porzelle ruiniert. Nachdem sich der Behindertenbeauftragte der Stadt einschaltete, soll der Fahrstuhl nun so schnell wie möglich repariert werden.

Altstadt. Marina und Andreas Porzelle trauten ihren Augen nicht, als sie am Abend des 19. März die Vorstellung von "Genannt Gospodin" im Schauspielhaus Otto-von-Guericke-Straße besuchen wollten. Wie schon früher nutzte Andreas Porzelle, der seit einem Arbeitsunfall im Rollstuhl sitzt, seinen Euro-Schlüssel, um zum Außenlift hinter der Schauspielhaus-Gaststätte "Porten" zu kommen. Dann der Schreck: Müllsäcke voller Laub standen im Lift, der seit längerer Zeit nicht in Benutzung gewesen zu sein schien.

Das Paar eilte zum Haupteingang des Schauspielhauses. "Ich bediente die Klingel für Behinderte, um mich in Begleitung von Personal über den Hof mit einem anderen Fahrstuhl ins Gebäude befördern zu lassen. Doch niemand reagierte. Nach mir kam ein weiterer Rollstuhlfahrer. Gleiche Szene – niemand kam", erinnert sich Andreas Porzelle. Er sprach andere Besucher an, damit sie im Haus Bescheid sagen, dass auch Rollstuhlfahrer ins Theater möchten und vor der Tür stehen. Schließlich kam jemand. "Zum Glück gab es keinen Regen und keine Minustemperaturen. Trotzdem war mir kalt", denkt Andreas Porzelle zurück.

Kurz vor und nach der Vorstellung sprachen er und seine Frau das Theaterpersonal auf den kaputten Außenlift an. "Damit haben wir nichts zu tun, der Lift gehört zum Restaurant", und "Ja, die vom Restaurant haben schon gesagt, wir müssen mal ein Schild hinhängen, dass der Lift kaputt ist", bekommen sie nach eigenen Angaben als Antwort.

"Wie bitte? Schild hinhängen, dass der Lift kaputt ist? Wie wäre es mit einer Reparatur? Das passiert also mit unseren Steuergeldern. Da wird ein Lift für mindestens 10 000 Euro installiert, damit man bei der Eröffnung mit Barrierefreiheit glänzen kann, und dann gibt es keine Wartung mehr, und der Lift gammelt vor sich hin. Niemand fühlt sich zuständig. Das Restaurant scheint kein Interesse an behinderten Gästen zu haben", machen Porzelles ihrem Unmut Luft.

"Das war eine Verkettung unglücklichster Umstände", sagt Theater-Pressesprecherin Julia Lonkwitz auf Volksstimme-Nachfrage und bedauert den Vorfall. Es habe zum ersten Mal solche Probleme gegeben.

"Unglücklichste Umstände"

Auch Lonkwitz verweist darauf, dass der fragliche Aufzug zum "Porten" gehöre und kein offizieller Zugang zum Schauspielhaus sei. Außerdem hätten Porzelles die falsche Klingel benutzt, die für den Bühneneingang. Diese sei gleichwohl kaputt gewesen und werde repariert. "Wenn die Familie ihr Kommen vorher angekündigt hätte, wäre das nicht passiert", sagt sie. Zur Not würde das Personal auch Personen ins Schauspielhaus hineintragen.

Magdeburgs Behindertenbeauftragter Hans-Peter Pischner, versuchte in der vergangenen Woche, Licht in den Zuständigkeiten-Wirrwarr um den kaputten Lift zu bekommen. "Für das Anliegen von Porzelles habe ich natürlich volles Verständnis. Es geht aber weniger um die allgemeine Bereitschaft der Stadt, barrierefreie Verhältnisse zu schaffen, als darum, dass es hinterher der ,menschliche Faktor‘ ist, der das auch umsetzen muss", sagt er.

Der übliche Weg für Rollstuhlfahrer, die das Schauspielhaus besuchen, sei tatsächlich die Benutzung des Aufzuges, der über den Hofeingang neben dem Haupteingang erreichbar ist. Der ist wegen des historischen Treppenhauses im Schauspielhaus eben nicht barrierefrei.

"Wir hatten uns bei der Sanierung des Schauspielhauses 2005 dafür eingesetzt, auch das Restaurant barrierefrei zugänglich zu machen und deshalb den Hublift an dessen Ostseite zusätzlich vorgesehen", so Pischner. Allerdings gibt es vom Restaurant aus einen Durchgang ins Theater. Pischner informierte sich bei Udo Walter vom Kommunalen Gebäudemanagement der Stadt. Zuständig sei der Eigenbetrieb Theater Magdeburg, hieß es dort. Thomas Pohl, eingemieteter Betreiber des "Porten", gab Walter gegenüber an, am fraglichen Tag habe lediglich ein Laubsack vor dem Hubtisch gestanden, der aber zwischenzeitlich entfernt wurde.

Laublagerung war keine böse Absicht

Pohl selbst veranlasst regelmäßig die vorgeschriebenen Wartungen. "Innerhalb der nächsten Woche wird der Lift repariert", versicherte er der Volksstimme. Das Abladen des Laubs sei keine böse Absicht gewesen, betont er. Christian Ruppert, Verwaltungsdirektor und stellvertretender Intendant des Theaters Magdeburg, nimmt die Sache nun in die Hand. "Wir wollen uns nicht auf eine Debatte über Zuständigkeiten einlassen, sondern sorgen für eine Reparatur", so Ruppert. Der Lift sei wegen fehlender Überdachung sehr witterungsanfällig. Immer wieder gibt es Leistungsausfälle, Haustechniker sollten das wöchentlich testen. Ruppert bestätigt, dass nun eine Firma mit der Reparatur beauftragt wird.

"Es geht auf die Kappe des Restaurantbesitzers, dass er Gartenschnitt dort ablegte, um Platz für eine Veranstaltung zu schaffen. Das kommt nicht noch mal vor", betont der Verwaltungsdirektor. Beide Eingänge sollen technisch einwandfrei nutzbar sein.

Seit Kurzem biete das Theater die Möglichkeit an, Tickets online auszudrucken. Dass Behinderte das tun und über den hinteren Eingang per Euro-Schlüssel selbstständig das Schauspielhaus betreten, statt die Karten vorne abzuholen, dessen sei man sich bislang noch nicht bewusst gewesen.

   

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