Melbourne - Den Wunsch seiner kleinen Tochter Alexia konnte Stanislas Wawrinka leider nicht erfüllen. "Sie wollte, dass ich verliere, weil ich dann nach Hause komme", sagte der Schweizer, nachdem er zum ersten Mal in seiner Tennis-Karriere das Endspiel eines Grand-Slam-Turniers erreicht hatte.

Im Halbfinale der Australian Open rang der 28-Jährige den Tschechen Tomas Berdych in 3:31 Stunden mit 6:3, 6:7 (1:7), 7:6 (7:3), 7:6 (7:4) nieder und feierte damit seinen bislang größten Erfolg. "Sorry, dass ich jetzt noch vier Tage hierbleibe", meinte Wawrinka an die Dreijährige in der Heimat gerichtet.

Im Endspiel am Sonntag könnte es nun zum ersten rein schweizerischen Finale in der Grand-Slam-Historie kommen. Dafür müsste Roger Federer am Freitag aber das mit großer Spannung erwartete zweite Halbfinale gegen den spanischen Weltranglistenersten Rafael Nadal gewinnen. "Das wäre natürlich unglaublich", sagte Wawrinka. "Roger ist der größte Spieler aller Zeiten." Allerdings könnte er den Rekord-Grand-Slam-Turnier-Sieger in Melbourne sogar als Schweizer Nummer eins ablösen. Dies wäre der Fall, wenn Federer gegen Nadal verliert oder Wawrinka im Endspiel gegen seinen Landsmann triumphieren würde.

Zuzutrauen ist "Stan the Man" das auf jeden Fall, so stark wie er in diesem Jahr bislang auftritt. Vor den Australian Open gewann er bereits das Turnier in Chennai, im Viertelfinale von Melbourne warf er den von Boris Becker trainierten Titelverteidiger Novak Djokovic raus. "Er hat eine enorme Steigerung im mentalen Bereich gemacht", lobte Becker den Überraschungsfinalisten bereits nach dessen Sieg gegen Djokovic.

Dies stellte Wawrinka auch im Halbfinale gegen Berdych unter Beweis. Die Nummer acht der Welt schlug konstant gut auf und verlor nicht ein einziges Mal sein Service. Auch in zwei der drei gespielten Tiebreaks behielt er die Nerven - am Ende verwandelte er seinen zweiten Matchball. "Ein Punkt und ein Break haben den Unterschied gemacht", sagte Berdych enttäuscht. In der Tat machte Wawrinka im gesamten Match nur einen Punkt mehr als der Tscheche (143:142). "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal das Finale bei einem Grand-Slam-Turnier erreiche", sagte Wawrinka mit tränenerstickter Stimme.

Um die Schweizer Festspiele am Yarra River perfekt zu machen, kommt es nun auf Federer an. Auf seinem wohl schwersten Weg ins Finale eines Grand-Slam-Turniers hat der 32-Jährige in Jo-Wilfried Tsonga und Andy Murray die beiden ersten Hürden mit Bravour und zurückgewonnener Eleganz gemeistert. Doch der richtige Gradmesser kommt erst jetzt in der 23. Auflage des epischen Duells mit Nadal. Alle vier Vergleiche im vergangenen Jahr hat Federer gegen seinen großen Rivalen verloren.

In Melbourne setzt der vierfache Melbourne-Champion vor allem auf die Tipps seines neuen Trainers Stefan Edberg. "Ich freue mich, mit Stefan über das Spiel zu sprechen. Als wir uns in Dubai getroffen und unterhalten haben, haben wir ganz besonders auch darüber geredet, wie man gegen Rafa spielt", erzählte Federer. "Er meinte, er hätte einige gute Ideen." Nadal hat Respekt vor Federer. "Er kommt mit großem Selbstvertrauen in die Partie. Es wird sehr schwer", sagte der Spanier, dem nach wie vor eine große Blase an der Schlaghand zu schaffen macht.

Bei den Damen zogen die Chinesin Li Na und Dominika Cibulkova aus der Slowakei ins Endspiel am Samstag ein. Vorjahresfinalistin Li Na gewann gegen die erst 19 Jahre alte Kanadierin Eugenie Bouchard mit 6:2, 6:4 und greift zum dritten Mal in Melbourne nach dem Titel. Cibulkova setzte sich gegen die Polin Agnieszka Radwanska mit 6:1, 6:2 durch und steht erstmals bei einem Major-Turnier im Finale.