Sotschi - Die Lufthansa-Maschine mit Claudia Pechstein und Co. landete überpünktlich in Sotschi, Freestyler Benedikt Mayr erkämpfte sich in der Heimat noch ein Last-Minute-Ticket. Eine Woche vor Beginn der XXII. Winterspiele nimmt das deutsche Olympia-Abenteuer immer konkretere Formen an.

Pechstein lächelte bei der Ankunft am Flughafen Adler gut gelaunt gegen das trüb-regnerische Wetter an. Die 41-Jährige zog mit 13 Kollegen aus dem Eisschnelllauf-Team als erste der nun 153 deutschen Athleten ins olympische Dorf ein.

Pechsteins Ambitionen, bei der Eröffnungsfeier am 7. Februar die deutsche Fahne zu tragen, wurden unterdessen auch von IOC-Ehrenmitglied Walther Tröger unterstützt. "Wir haben in Maria Höfl-Riesch, Andrea Henkel und Claudia Pechstein drei würdige Kandidatinnen, die dafür infrage kommen", sagte der 84-Jährige der Nachrichtenagentur dpa. Er sehe das im Fall Pechstein nur aus sportlicher Hinsicht problematisch, weil sie schon zwei Tage nach der Eröffnung die 3000 Meter bestreiten müsse. "Daher würde ich ihr abraten, damit sie sich voll auf den Wettkampf konzentrieren kann", sagte Tröger, achtmal Chef de Mission des deutschen Olympia-Teams.

Pechstein und Co. trafen gerade rechtzeitig zur offiziellen Eröffnung des olympischen Dorfes in Sotschi ein. Dort wird ein Großteil der rund 2500 Athleten aus mehr als 80 Ländern vom 7. bis zum 23. Februar wohnen. Zwei weitere Dependancen gibt es in Krasnaja Poljana und am Laura-Biathlon-Zentrum. "Das Dorf an der Küste ist komplett fertig, nur die Arbeiten in den Bergdörfern sind ein paar Tage hinterher", berichtete Bernhard Schwank, Leistungssportdirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Der DOSB hofft, in den 98 Entscheidungen rund 30 Medaillen zu gewinnen und einen der ersten drei Ränge in der Nationenwertung zu belegen.

Dazu beitragen kann nun auch Ski-Freestyler Benedikt Mayr. Der 22-Jährige erhielt am Donnerstag nachträglich einen Startplatz für den Wettbewerb im Slopestyle. Mayr hatte auf der Nachrückerliste des Ski-Weltverbandes FIS gleichauf mit zwei Konkurrenten aus Finnland und Tschechien gelegen. Die FIS vergab den letzten freien Startplatz aber ohne Angabe von Gründen an den tschechischen Athleten, wogegen der Deutsche Skiverband (DSV) erfolgreich Widerspruch einlegte. Die FIS ließ nun alle drei Slopestyler für Olympia zu. "Das ist eine große Freude, sowohl für den Athleten als auch für das gesamte Team. Mit Benedikt sind wir zahlenmäßig genauso stark wie in Vancouver", sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper.

Angst um ihre Sicherheit müssen die Athleten aus Sicht der Organisatoren bei den Sotschi-Spielen nicht haben. "Wir haben im Moment keine aktuelle Bedrohungslage", bekräftigte Sicherheitschef Alexej Lawrischew acht Tage vor der Eröffnungsfeier im Olympiastadion Fischt. "Die Lage ist unter Kontrolle." Zu den Terrordrohungen von Islamisten sagte er, dass auch die Geheimdienste anderer Länder, die in Sotschi arbeiten, keine akute Gefahr sähen. Insgesamt seien 40 000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Terroristen hatten in der russischen Stadt Wolgograd Anschläge mit mehr als 30 Toten verübt.

Groß ist offenbar der Wunsch, die Winterspiele als Forum für Meinungsäußerungen zu nutzen. Nach Angaben des russischen Innenministeriums gibt es für die eigens eingerichtete Protestzone in Sotschi bereits mehrere Anträge. "Das Interesse an dem Bereich für Massenkundgebungen ist spürbar", sagte Anton Gussew vom Innenministerium. Auch Schwule und Lesben wollen gegen ihre Diskriminierung im größten Land der Erde demonstrieren.

Einen Eklat mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wendete Organisationschef Dmitri Tschernyschenko gerade noch ab. Einen Tag, nachdem er die freie Meinungsäußerung von Athleten bei olympischen Pressekonferenz infrage gestellt und sie auf die eingerichteten Protestzonen 18 Kilometer von Sotschi entfernt verwiesen hatte, ruderte er zurück. "Herr Tschernyschenko meinte, dass Athleten sich bei Pressekonferenzen frei äußern dürfen - aber natürlich können sie eine Pressekonferenz oder eine Wettkampfstätte nicht zu einer Demonstration oder einem Protest nutzen", hieß es in einer Klarstellung des Organisationskomitees SOCOG.

Dafür hat Gastgeber Russland noch ein anderes aktuelles Problem hinzubekommen: Nachdem am Mittwoch bekanntwurde, dass es bei vorolympischen Trainingskontrollen positive A-Proben von drei Biathleten aus Russland und Litauen gab, zog sich Irina Starych vorläufig aus dem russischen Olympia-Team zurück. Die Sechste im Gesamtweltcup bestätigte, vom Weltverband IBU über den positiven Test unterrichtet worden zu sein, wies die Doping-Vorwürfe aber zurück. "Es ist alarmierend, zeigt aber, dass die Tests funktionieren", sagte Schwank.

Für positive Stimmung soll indes der längste Fackellauf der Olympia-Geschichte sorgen. Am 116. Tag ist das olympische Feuer in Wladikawkas und Naltschik eingetroffen - zwei Städte, die in der nordkaukasischen Krisenregion liegen.

Während alle Sportstätten vom Ice Cube für Curling bis zur Schajba-Arena für das Eishockey-Turnier im sogenannten Küsten-Cluster von Sotschi für die Wettkämpfe bereit stehen und in den Bergen genug Schnee auf den Pisten und Loipen liegt, läuft der Ticket-Verkauf weiter zäh: Bisher sind erst 70 Prozent der Karten verkauft.