Magdeburg - Die Arbeitnehmer in Sachsen-Anhalt lassen ihre Ansprüche auf Bildungsurlaub fast durchgängig verfallen. Jedes Jahr nehmen lediglich rund 900 Menschen die Möglichkeit wahr, für fünf Tage pro Jahr bezahlten Sonderurlaub zu nehmen. Dies teilte das zuständige Bildungsministerium auf dpa-Anfrage mit. Dabei können die Ansprüche von zwei Jahren auch zusammen genommen werden. Berechtigt ist nach einem Landesgesetz von 1998 praktisch jeder Arbeitnehmer.

Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa unter einigen großen Unternehmen im Land steigt die Nachfrage mancherorts allerdings an. Von den 1500 Mitarbeitern der Salutas Pharma GmbH mit Sitz in Barleben bei Magdeburg nahmen im vergangenen Jahr rund 20 Bildungsurlaub. "Wir stellen aber fest, dass das Interesse an Bildungsurlaub wächst", sagte Sprecherin Alexandra Schröder. "Kosten und Nutzen beruflicher Weiterbildung stehen im richtigen Verhältnis."

Von den mehr als 1800 Kali-Mitarbeitern des Bergbaukonzerns K+S in Sachsen-Anhalt nahmen im vergangenen Jahr 21 Bildungsurlaub. "Aus unserer Sicht wird der Zweck erfüllt", sagte Sprecher Thorsten Kowalowka. Die Kosten für das Unternehmen hielten sich in Grenzen.

Beim Braunkohleförderer Mibrag wurden zum Beispiel 2008 insgesamt nur 24 Tage als Bildungsurlaub genutzt, im vergangenen Jahr waren es bereits 293 Tage, wie Sprecherin Sylvia Werner in Zeitz erklärte. Die Total Raffinerie in Leuna berichtete, im vergangenen Jahr hätten rund acht Prozent der Mitarbeiter Bildungsurlaub geltend gemacht. Sie absolvierten unter anderem Ausbildungskurse zum Meister oder auch Fernstudiengänge, sagte Susanne Buchmann von der Total-Pressestelle.

Das Kultusministerium betonte, das Gesetz zur Bildungsfreistellung bilde nur einen Teil der Weiterbildungswelt ab. Viele Unternehmen böten auch hauseigene Fort- und Weiterbildung an. Im Land seien für Bildungsurlaube rund 1700 verschiedene Angebote zugelassen. Eine Übersicht über die Kurse bietet das Landesverwaltungsamt. Dort finden sich auch ungewöhnliche Kurse wie etwa Hochwassermanagement an der Uni Weimar, Italienisch-Kurse auf Sizilien oder Konferenzmoderation bei der IG Metall in Frankfurt.

Den Gewerkschaften in Sachsen-Anhalt geht die Regelung allerdings nicht weit genug. Sie wollen durchsetzen, dass auch Angebote im Bereich der politischen Bildung als Bildungsurlaub akzeptiert werden, erläuterte ein Sprecher des DGB.

Die Linksfraktion sieht Nachbesserungsbedarf. "In der jetzigen Form, die Bildungsurlaub überhaupt nur noch auf enge berufliche Fortbildungsmaßnahmen beschränkt, hat sich das jetzt geltende Gesetz nicht bewährt", erklärte die Linke-Abgeordnete Edeltraud Thiel-Rogée. CDU und FDP hätten die Regelungen damals zu eng gefasst. "Die geringe Nutzung des Bildungsurlaubs zeigt die Unwirksamkeit des jetzt geltenden Gesetzes". Zudem sei die Linke für eine Ausweitung auf 10 statt 5 Tage pro Jahr.

Auch die SPD will politische Bildung genauso behandeln wie die direkt jobbezogene Weiterbildung. "Mittelfristig ist es das Ziel der SPD, auch die politische Bildung mit in das Bildungsfreistellungsgesetz aufzunehmen", sagte der Abgeordnete Andreas Steppuhn. Das Gesetz habe sich aber grundsätzlich bewährt. Die Grünen-Fraktionschefin Claudia Dalbert nannte den Bildungsurlaub eine politische Errungenschaft. "Es ist bedauerlich, dass die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen dies nicht in vollem Umfang ausschöpfen." Land und Arbeitgeber müssten die Beschäftigen stärker ermuntern, Bildungsurlaub zu nehmen.

Der CDU-Abgeordnete Hardy Peter Güssau meinte, die geringe Inanspruchnahme sei kein Beleg einer mangelnden Akzeptanz. "Eher wird damit der Nachweis geführt, wie unbekannt die Möglichkeiten des Gesetzes noch sind." Zur Frage der politischen Bildung erklärte er, es müsse auf jeden Fall verhindert werden, dass Veranstaltungen dann einen parteipolitischen Anstrich hätten. "Das Letztere würde den Sinn und Zweck eines Bildungsurlaubs unterhöhlen", sagte Güssau.