London - Boris Becker hielt Roger Federer als Sieger in seinem "Wohnzimmer" in Wimbledon von Anfang an für möglich. "Federer ist wieder sehr stark", adelte ihn der dreimalige Champion, "wenn ich die Chancen sehe, die sind besser als vielleicht in den letzten zwei Jahren."

Die Gelegenheit ist für den 32-Jährigen aus der Schweiz günstig, sich wie zuletzt 2012 wieder zum Tennis-König auf dem grünen Rasen aufzuschwingen und zum achten Mal an der Church Road zu triumphieren.

Titelverteidiger Andy Murray ist raus, auch Sandplatz-Dominator Rafael Nadal scheiterte in den zuletzt turbulenten Wimbledon-Tagen: Altmeister Federer und Becker-Schützling Novak Djokovic haben sich von den großen Vier im Herren-Tennis erfolgreich gegen den Aufstand der möglichen Stars der Zukunft gestemmt. So wird das Halbfinale am Freitag zum Showdown zweier Shootingstars gegen zwei Arrivierte: Federer misst sich im Kampf um den Finaleinzug mit dem 23-jährigen Kanadier Milos Raonic, Djokovic trifft auf den ebenso jungen Bulgaren Grigor Dimitrow.

Federer hatte mit seinem Zweitrunden-Aus im vergangenen Jahr enttäuscht. Diesmal scheint er nach seinem Turniersieg im westfälischen Halle bereit. Acht Mal stand der schon so oft abgeschriebene und in London geliebte Federer im Halbfinale, nie hat er ein Vorschlussrundenspiel verloren. Auch gegen Raonic weist er in bislang vier Matches eine makellose Bilanz auf.

Ist 2014 nun seine große Chance auf Grand-Slam-Titel 18? "The King is dead, long live the King", schrieb der "Daily Express" am Donnerstag. Federer sagte: "Du weißt, da ist die Chance jetzt, einen Schritt weiterzugehen, weil du deinem Spiel vertraust. Das ist der Punkt, an dem ich gerade bin. Ich freue mich wirklich auf die nächsten Tage."

Sein kommender Gegner Raonic bestreitet wie Dimitrow sein erstes Grand-Slam-Halbfinale. Beiden, aber vor allem dem Bulgaren wird seit längerem zugetraut, die Dominanz der großen Vier zu brechen. Dimitrow ist der Freund von Maria Scharapowa und wurde wegen seiner ähnlich wie Federer eleganten Spielweise auch schon mal "BabyFed" genannt. Im Viertelfinale räumte er den britischen Hoffnungsträger Murray beim 6:1, 7:6 (7:4), 6:2 gnadenlos aus dem Weg und beendete dessen Hoffnung auf die Titelverteidigung.

Vielleicht kann er sich jetzt einen Ruf als Tennis-Profi erarbeiten und wird nicht mehr nur als Freund von Maria Scharapowa wahrgenommen werden. Besondere Tipps habe ihm die russische Tennis-Diva und French-Open-Siegerin nicht gegeben, meinte Dimitrow. "Sie sagte: Gewinn es."

In der Vorbereitung holte sich Dimitrow den Turniersieg in Queens, seinen insgesamt vierten auf der ATP-Tour - drei allein in diesem Jahr. In jedem Fall gehört der 1,90 Meter große Athlet zu der Generation von Spielern, die sich stetig verbessern, zu denen, auf die die arrivierten Profis aufpassen müssen, dass sie Schritt halten, wie Murray es ausdrückte. Die beiden Halbfinal-Debütanten verlassen inzwischen die Umkleidekabine mit dem Glauben daran, jeden schlagen zu können. "Es ist ein großer Unterschied im Vergleich zu vorigem Jahr",erklärte Raonic.