Belo Horizonte - Júlio Cesar schämte sich seiner Tränen nicht. Mit roten Augen stand der brasilianische Nationaltorwart nach dem Achtelfinalkrimi gegen Chile beim Fernsehinterview und wischte sich übers Gesicht.

"Vor vier Jahren, da war ich sehr traurig. Jetzt weine ich wieder - aber vor Glück. Nur Gott und meine Familie wissen, was ich durchgemacht habe. Meine Geschichte in der Seleção ist noch nicht zu Ende", sagte der völlig aufgelöste Keeper.

Der 34 Jahre alte Routinier war im Estadio Mineirão von Belo Horizonte zur Höchstform aufgelaufen. Zweimal parierte er im Elfmeterschießen gegen Mauricio Pinella und Alexis Sanchez, beim letzten Schuss von Gonzalo Jara an den Pfosten musste er nicht mehr eingreifen. Und dann brüllte er seinen Triumph hinaus, ehe seine Mitspieler ihn jubelnd umrissen.

Vor vier Jahren hatte Júlio Cesar bei der WM in Südafrika mit hängendem Kopf den Platz verlassen - und mit Tränen der Enttäuschung. Im Viertelfinale gegen die Niederlande lag Brasilien mit 1:0 vorn, dann patzte der Schlussmann beim Ausgleich durch seinen damaligen Kollegen von Inter Mailand, Wesley Sneijder, dem später noch der Siegtreffer gelang.

Am Tag danach wollte er seine Karriere beenden: "Ich konnte nicht aufhören zu denken: Warum ist das passiert? Warum sind wir ausgeschieden?" Er habe viel Beistand von seiner Familie und engen Freunden gebraucht. Dann habe er sich ein Beispiel am "Rocky"-Film genommen und sei mit Kampfgeist zurückgekehrt.

Beim erfolgreichen Confederations Cup 2013 stand Júlio Cesar wieder zwischen den Pfosten der Seleção, Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari vertraute ihm. Doch bei den Queen Park Rangers saß sein Schlussmann nur auf der Bank. In einer Verzweiflungsaktion wechselte Júlio Cesar im Winter zum Toronto FC - ins Fußball-Niemandsland Kanada. Mit nur sieben Pflichtspielen reiste er zur WM an.

"Wenn du gut vorbereitet und konzentriert bist, macht es nichts, wenn du nicht viele Clubspiele hast", erklärte er dieser Tage. "Ich habe mich sehr auf diese WM vorbereitet. Das Wichtigste war, dass ich mir vertraut habe und dass ich hart gearbeitet habe."

Nach seinem Coup gegen Chile meinte Júlio Cesar strahlend: "Ich bin super glücklich. Ich hoffe nur, dass die nächsten Spiele nicht im Elfmeterschießen entschieden werden. Sonst kriegen meine Angehörigen noch einen Herzinfarkt." Es ist bereits die dritte Weltmeisterschaft des Torwarts.

Für ihn sind die größten Momente in seinem Leben die Hochzeit mit Susana Werner und die Geburt seiner zwei Kinder. "Aber ich habe noch Platz in meinem Herzen für solche Momente", sagte er nach dem aufregendsten Spiel seiner Karriere. Dann nahm er die Trophäe für den "Man of the Match" entgegen und sagte: "Entschuldigt bitte, dass ich soviel rede. Aber ich habe das alles vier Jahre mit mir rumgeschleppt."