Doha - Ein WM-Finale kurz vor Heiligabend, Public Viewing zwischen Glühweinbuden und Weihnachtsbäumen - der Kompromiss über die Verlegung der Katar-WM 2022 in den Winter hat im Fußball keine Jubelstürme ausgelöst.

"Es fällt schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ein WM-Finale kurz vor Weihnachten stattfinden soll", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, wohlwissend dass der von der FIFA-Task Force vorgeschlagene WM-Termin von Ende November bis Ende Dezember noch das kleinste Übel war.

Die großen Verlierer sind die europäischen Clubs und Ligen, schließlich wird der Spielbetrieb mehr als zweieinhalb Monate ruhen müssen. Andreas Rettig forderte als Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga von der FIFA konkrete Lösungsvorschläge, Karl-Heinz Rummenigge mahnte als Chef der Europäischen Club-Vereinigung ECA Kompensationszahlungen an. "Den europäischen Clubs und Ligen kann nicht zugemutet werden, allein den Preis für die Verlegung der FIFA-WM in den Winter zu bezahlen. Wir erwarten ebenso die seriöse Bereitschaft, den Schaden für die Clubs fair zu kompensieren", sagte der Bayern-Boss.

Dass die Endrunde in sieben Jahren erstmals in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft zum Winterspektakel wird, ist aufgrund der hohen Temperaturen im Sommer aber unumgänglich. Nach einem sechsmonatigen Konsultationsprozess sei der Termin im November/Dezember der "tragfähigste" gewesen und habe die volle Unterstützung von allen sechs Kontinentalverbänden, teilte die FIFA in einer Stellungnahme nach der Sitzung der Task Force in Doha mit. Es habe nach all den Diskussionen nur diese Lösung gegeben, betonte FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke.

Im Gespräch ist eine kürzere Austragung vom 26. November bis 23. Dezember, was ein Zugeständnis an die Ligen wäre. Der genaue Termin soll bis zur endgültigen Entscheidung der FIFA-Exekutive am 19./20. März in Zürich gefunden werden. Gleichwohl ist klar, dass der Ligabetrieb ab Ende Oktober für rund zweieinhalb Monate ruhen wird. Gladbachs Sportdirektor Max Eberl befürchtet, dass "der WM-Termin mindestens zwei, wahrscheinlich sogar drei Spielzeiten massiv beeinflussen wird".

Eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung war jedoch unmöglich. Eine Austragung wie üblich in den Sommermonaten ist aufgrund der hohen Temperaturen von bis zu 40 Grad nicht praktikabel. Auch wenn die WM-Organisatoren die Temperaturen bei einer Sommer-WM in den Stadien herunterkühlen wollten, wäre die Belastung für Spieler und Fans außerhalb der Arenen groß gewesen. Zuletzt waren auch noch der Januar/Februar 2022 im Gespräch, allerdings würde dieser Termin mit den Olympischen Winterspielen kollidieren. Das IOC-Großereignis soll vom 4. bis 20. Februar 2022 in Almaty oder Peking stattfinden. Eine Verlegung ins Jahr 2023 sei aus "rechtlichen Gründen" ausgeschlossen, bekräftigte die FIFA.

Auch der Alternativ-Vorschlag der europäischen Clubs und Ligen, die WM von Ende April bis Ende Mai auszutragen, erwies sich nicht als Ideallösung. In diesem Zeitraum wäre ebenfalls mit hohen Temperaturen zu rechnen gewesen, außerdem beginnt 2022 der Fastenmonat Ramadan am 2. April. So sei die Terminfindung laut Scheich Salman bin Ebrahim Al-Khalifa, dem Vorsitzenden der Task Force, eine große Herausforderung gewesen.

Dass der WM-Beginn nun wohl auf den spätestmöglichen Termin gesetzt wird, dürfte ein Zugeständnis an die europäischen Clubs und Ligen sein. Ebenso der Vorschlag der Task Force, den Confederations Cup im Jahr vor dem WM-Turnier nicht in Katar, sondern in einem anderen Mitgliedsland des Asiatischen Fußball-Verbandes AFC wie üblich im Sommer auszutragen. Stattdessen soll die Club-WM im November/Dezember 2021 als Testlauf in Katar durchgeführt werden.

Besonders groß ist der Aufschrei in England, schließlich gehört die Zeit um Weihnachten herum mit dem Boxing Day zu den umsatzkräftigsten Terminen der Liga. "Das ist enttäuschend. Es ist die falsche Entscheidung. Wir sind von der UEFA im Stich gelassen worden", klagte Premier-League-Chef Richard Scudamore der BBC. Aber auch der afrikanische Verband hat ein Problem, schließlich soll der Afrika-Cup im Januar 2023 in Guinea ausgetragen werden.

Vor einer Herausforderung stehen auch die TV-Anstalten. Bei ARD/ZDF läuft zu dieser Zeit der Wintersport auf Hochtouren, in den USA ist American-Football-Time. Als Verlierer bleibt auch die FIFA zurück, wenngleich Sepp Blatter den November-Termin gerne als seine Idee verkauft. Denn seit der WM-Vergabe im Dezember 2010 hat sich die Katar-WM zu einem einzigen Ärgernis entwickelt. Die schwierige Terminfindung wurde von schweren Korruptionsvorwürfen und dem Skandal um viele Todesopfer auf den Baustellen des Landes begleitet. So herrschte einzig beim Internationalen Olympischen Komitee Zufriedenheit über den WM-Termin, Ski-Präsident und IOC-Mitglied Gian Franco Kasper zeigte sich am Rande der nordischen Titelkämpfe in Falun "erfreut".