Mainz - Dröhnende Flugzeuge, Krach von Autobahnen - Lärm ist allgegenwärtig. Experten wie der Mainzer Kardiologe Thomas Münzel warnen vor Gesundheitsschäden. Absolute Stille gebe es kaum noch - und wenn, scheinen viele Menschen sie zu fürchten.

Lärm ist lästig. Eine Umfrage des Umweltbundesamtes von 2012 ergab, dass sich rund die Hälfte der Bevölkerung von Krach im Wohnumfeld gestört fühlt. Und doch: Wer einsam ist, lässt das Radio laufen oder dreht den MP3-Player auf. "Phasen, in denen wir überhaupt nicht mit Lärm konfrontiert werden, gibt es kaum noch", sagte Professor Thomas Münzel im dpa-Interview. Der Direktor der Zweiten Medizinischen Klinik und Poliklinik in Mainz warnt vor massiven Gesundheitsschäden durch die dauerhafte Beschallung. Denn gewöhnen könne man sich an Lärm nicht. Der
Internationale Tag gegen Lärm soll für das Problem sensibilisieren.


Joggen mit iPod, Radiohören beim Duschen - warum setzen sich immer mehr Menschen freiwillig Lärm aus?


Münzel: Als Lärm bezeichnet man generell Geräusche, die durch ihre Struktur auf die Umwelt störend oder gesundheitsschädigend wirken. Bei gleicher Dezibel-Stärke werden Geräusche von überfliegenden Flugzeugen als belastend empfunden, während iPod-Musik etwas prinzipiell Positives ist und keine Belastungsreaktion auslöst.

Was passiert, wenn Menschen Lärm ausgesetzt sind?


Münzel: Es gibt unterschiedliche Reaktionen auf den Lärm. Wenn ein Düsenjet neben dem Ohr startet, wird das Gehörorgan direkt geschädigt. Im Bereich zwischen 45 und 75 Dezibel, da gehören Straßen-, Flug- und Schienenlärm dazu, wirkt Lärm indirekt. Darauf reagiert der Körper mit Stress: der Puls geht hoch, der Blutdruck steigt akut und die Gefäßfunktion wird schlechter. Langfristig kann das auch zu mehr Herzinfarkten und Schlaganfällen führen.

Kann man sich an Lärm gewöhnen?


Münzel: Nein, an Lärm kann man sich nicht gewöhnen. Fluglärmstudien haben gezeigt, dass man aufgrund von Dauerlärm nicht mehr laut und leise unterscheiden kann. Das bedeutet nicht, dass man sich daran gewöhnt hat. Wenn Menschen nachts von Flugzeugen überflogen werden und meinen, das macht ihnen nichts aus, dann täuschen sie sich. Das autonome Nervensystem wird bei Lärm aktiviert und lässt den Blutdruck steigen - unabhängig davon, ob man aufwacht oder nicht. Das Ohr kann man leider nicht abschalten.

Absolute Ruhe ist dennoch für viele beängstigend. Warum?


Münzel: Das stimmt, ein Grundrauschen trifft eigentlich auf uns alle zu. Der Umgebungslärm hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Phasen, in denen wir überhaupt nicht mit Lärm konfrontiert werden, gibt es kaum noch. Wenn dann mal absolute Stille herrscht, kann ich mir schon vorstellen, dass man auf die ungewohnte Situation ebenfalls mit Stress reagiert.

Was macht Menschen Angst an absoluter Stille?


Münzel: Das kann ich nicht sagen. Persönlich bin ich froh, wenn es ruhig ist. Ich denke, ich kann auch mit absoluter Stille gut umgehen.

Lässt sich mehr Stille im Alltag angesichts des dauernden Umgebungslärms überhaupt erreichen?


Münzel: Ich denke schon. Das Ziel heißt für mich 35 bis 40 Dezibel Dauerschallpegel. Die mittleren Pegel von 65 bis 70 Dezibel der Flugzeuge hier im Rhein-Main-Gebiet sind Studien zufolge jedoch viel zu hoch und damit für die Anwohner traumatisch. Hier sind aktive Schallschutzmaßnahmen nötig, zum Beispiel dass Maschinen steiler starten und landen oder dass der kontinuierliche Sinkflug eingeführt wird. Wenn solche Möglichkeiten, die Anwohner zu schützen, nicht genutzt werden, geht das schon in Richtung Körperverletzung.

Prüft die Universitätsmedizin deshalb eine Klage?


Münzel: Das wird noch vorbereitet. Seit die neue Landebahn eingeweiht worden ist, geht der Anflug direkt über die einzige Uniklinik in Rheinland-Pfalz. Das ist ein Skandal, denn hier liegen schwer kranke Patienten. Die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwerte für Lärm auf dem Krankenhausgelände werden deutlich überschritten. Meiner Meinung nach muss die Universitätsmedizin oder besser das Land Rheinland-Pfalz klagen.


Tag des Lärms
Am 30. April wird unter dem Motto "Die Ruhe weg" in vielen Veranstaltungen auf Belastungen durch die zunehmende "Verlärmung" der Umwelt hingewiesen. Die EU will mit einer Umgebungslärmrichtlinie den Krach in lauten Gebieten vermindern und in ruhigen einer Zunahme vorbeugen. Um Belastungen in einer Karte zu erfassen, wird seit 2012 Lärm in allen Ballungsräumen und an Hauptverkehrswegen Europas ermittelt.