Frankfurt/Main - Kleine, individuelle Läden werden in Deutschland immer seltener. Der Druck von Ketten, Einkaufszentren und Internetanbietern wächst. Doch wer sich spezialisiert, kann überleben.

Anfassen ist ganz wichtig. Drüberstreichen, um den Finger wickeln. Im Geschäft von Cordula Fangen gibt es besondere Notizbücher und Schleifen, Mäppchen und Schälchen. Wer hereinkommt, den verleiten die Dinge zum Berühren, den umfangen süßlich-staubiger Duft von Papier und warmes Licht. Die
Papeterie ist einer der kleinen Läden, die sich gegenüber Ketten behaupten können. Das wird in Deutschland zunehmend schwierig, denn der Wettbewerb hat sich verschärft.


Cordula Fangen lehnt an ihrem Ladentisch und reibt Daumen und Zeigefinger ihrer Faust aneinander. "In einem Jahr musste ich 100 000 Euro Miete bezahlen", erzählt die 49-Jährige: "Das kann man vielleicht mit Juwelen erwirtschaften, aber nicht mit Geschenkpapier." Ihr alter Mietvertrag machte ihr das Geschäft in Frankfurt-Sachsenhausen schwer. Deshalb ist sie umgezogen.

Unter solchen Problemen leidet ihre ganze Branche. "Die Mieten steigen stärker als die Umsatzrendite", sagt Volker Wessels vom
Handelsverband Bürowirtschaft und Schreibwaren (HBS) in Köln. Aber dass es kaum mehr Schreibwarenläden gebe, habe noch einen Grund: "Händler ohne Unterstützung von Genossenschaften oder Großhändlern haben oft Schwierigkeiten mit dem Marketing."


Kleine, individuell geführte Läden ohne Filialen werden in Deutschlands Städten immer seltener. "Es gibt einen leichten Rückgang", bestätigt der Geschäftsführer des
Handelsverbands Deutschland (HDE), Kai Falk. "Der Wettbewerb durch Ketten und Einkaufszentren ist größer geworden, das lässt sich nicht leugnen."


Zwischen 2000 und 2012 ist der Marktanteil des Fachhandels ohne Filialen von 31,9 auf 20,6 Prozent gefallen, wie Daten des HDE belegen. "Aber die Zahlen geben nicht her, dass alle kleinen Geschäfte zumachen müssen", sagt Falk. Auch die Zuwächse im Online-Handel bedeuteten zwar neue Konkurrenz, aber auch eine Chance.

Die will Fangen nutzen. Bisher habe ihre "Manpower" nicht gereicht, um online zu verkaufen. Bald jedoch können ihre Kunden auch im Internet bezahlen. Letztlich aber sei ihr spezialisiertes Angebot der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Fragt jemand nach einfachem Bürobedarf, schickt sie ihn zum "Pelikan" um die Ecke. Den winzigen Schreibwarenladen gibt es seit 1989. Er bietet zum Beispiel 40 Sorten Kugelschreiberminen - das Standardsortiment.

Die Kunden genau dafür sind aber "abgewandert in Drogerien und Warenhäuser", sagt Wessels vom HBS. Diesen Druck spürt Ottilie Welte, die 73-jährige Inhaberin vom "Pelikan". In den vergangenen zwei Jahren habe sie 15 Prozent weniger verdient, jetzt erst habe sie wieder aufgeholt - weil eine große Supermarktfiliale in der Nähe geschlossen hat: "Aber weiter als die nächsten zwei Jahre plane ich nie."

Einen Nachfolger für ihr Geschäft, in das vor allem alte Menschen und Schulkinder kommen, hat Welte auch noch nicht: "Es hat keiner Geld." Das spürt auch eine ganz andere Branche: "Rund 400 Metzgereibetriebe mussten 2013 schließen", sagt Heinz-Werner Süss, Präsident des
Deutschen Fleischer-Verbands. "In manchen Orten kriegen Sie als Kunde gar nichts mehr, das tut weh." Die Abhängigkeit von Supermärkten sei gewachsen.


Vielleicht wäre auch Fangens Papeterie verschwunden - wenn nicht die Besitzerin eines Hauses - nur wenige Meter von ihrem früheren Standort entfernt - um sie geworben hätte, erzählt Fanger: "Sie sagte, die sehr moderate Miete sei ihr Beitrag, die Straße am Leben zu erhalten, mit schönen inhabergeführten Geschäften."