Klietz l Trotz der ungewohnt frühen Stunde kurz nach Mittag war die Klietzer Kirche bis auf die letzten Plätze besetzt. Die vielen Zuhörer wussten wohl, dass sie nicht nur wegen des gewohnt sorgfältig zusammengestellten Programms ein besonderes Konzert erleben würden. Denn es hatte sich ­herumgesprochen, dass der junge Kantor Daniel Volkmer, ein echtes Klietzer Kind, nun eine Stelle in der Nähe von Görlitz angetreten hat. Seinen kleinen und feinen Kirchenchor wird er nicht mehr leiten können, dazu sind die Wege einfach zu weit.

Auch mit dem Konzert am Adventssonntag hat er eine kaum zu bewältigende Aufgabe übernommen. Zusätzlich tut dem sensiblen Musiker der Abschied von der Heimat merklich weh, ebenso wie die ungewisse Zukunft des von ihm aufgebauten Chores. Manch ein junger Mensch, besonders unter den im Dorf aufgewachsenen, mag diese Zerissenheit am Anfang des neuen Berufslebens kennen, manch ein älterer sich daran erinnern. Wie sagen die Franzosen: Manchmal ist weggehen wie ein bisschen sterben ...

Vorfreude im Advent

Nun sollte es aber kein Abschiedskonzert werden, sondern ein Konzert der Vorfreude, ein wirkliches Adventskonzert. Auch damit hat sich Daniel Volkmer eine kaum zu bewältigende Aufgabe gestellt: Gibt es das denn heute noch, Advent? Gibt es noch das Warten auf die Momente des großen Festes, ist nicht eher alles – einschließlich der Lieder – längst vorweggenommen in die vier oder mehr Wochen zuvor? Daniel Volkmer verzichtete bewusst auf gängige Weihnachtslieder, und besonders die zwischen den Musikstücken gelesenen Texte gaben Impulse zum Nachdenken und Sich-Besinnen.

Das Programm war gewohnt abwechslungsreich. Es erklang die soeben sehr gut restaurierte Orgel, neben den zweistimmigen Stücken des Chores gab es vierstimmige Sätze, die Männerstimmen erstaunlich klangvoll nur von zwei Sängern – Daniel Volkmer und Pfarrer Hartwig Janus – besetzt, es gab zwei Solostücke und dazwischen eben die von den Chormitgliedern sehr gut gelesenen Texte. Besonders eindrucksvoll hierbei die gesprochenen Strophen von Jochen Kleppers „Weihnachtslied“, umrahmt von dem bekannten Kanon aus Taizé „Ubi caritas“ (Wo Liebe und Güte ist, da ist Gott). Klepper, wohl der wichtigste Dichter geistlicher Lieder im letzten Jahrhundert, hat das inzwischen in viele Sprachen übersetzte Lied während der Nazizeit geschrieben. Trotz seines Erfolges als Schriftsteller erlebte er aufgrund des Rassenwahns Demütigungen und Berufsverbot, bis er schließlich, vor Zwangsscheidung und Deportation stehend, in tiefster Frömmigkeit mit seiner Familie den Freitod wählte. Seine Tagebücher und seine Lieder sind bis heute Erinnerung und Warnung zugleich.

Dankeschön dem Kantor

Probleme gab es mit der – eigentlich nicht notwendigen – Technik und dem zeitlichen Ablauf. Draußen wartete Glühwein, drinnen fieberten Kinder ihrem Auftritt entgegen.

Das Dankeschön an den Kantor fiel sehr knapp aus. Daniel Volkmer mag den großartigen Besuch und den Applaus der Kliezter als Dank mitnehmen, ebenso wie den kräftigen und frohen Gesang der Gemeinde: „Macht hoch die Tür“ und, zum Abschluss, „Tochter Zion, freue dich“.