Frankfurt/Main - "Völker bunt im Festgezelt, wird die Glut sie löten?" So beginnt ein Gedicht des österreichischen Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal (1874-1929). Er schrieb es kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Der Titel des Gedichts ist zugleich der Titel der Ausstellung, die vom 9. April bis 3. Juni im Frankfurter Goethehaus zu sehen ist. "Österreichs Antwort - Hugo von Hofmannsthal im Ersten Weltkrieg" ist die Ausstellung überschrieben und verquickt Hofmannsthals Biografie und die politischen Ereignisse vor 100 Jahren.

Was hat Hofmannsthal mit Goethe und Frankfurt zu tun? Selbsterklärend ist das nicht: Das Freie Deutsche Hochstift, Träger des Goethehauses, besitzt große Teile von Hofmannsthals Nachlass. In der Handschriftenabteilung lagern 150 Archivboxen mit Handschriften und Briefen des Dichters, der größte Sammlungsbestand im Haus. Seit den 1960er Jahren arbeitet das Hochstift an der - auf 40 Bände angelegten - kritischen Ausgabe sämtlicher Werke Hofmannsthals, die bei S. Fischer in Frankfurt erscheint.

Der jüngste Band, Nummer 34, enthält die politischen Schriften aus dem Ersten Weltkrieg. Katja Kaluga, Redakteurin der Hofmannsthal-Ausgabe, hat den mehr als 1000 Seiten dicken Band mit bunten Zettelchen gespickt. Neben ihr liegen Kladden mit den Originalhandschriften von 1914 bis 1918. Vieles davon wird in der Ausstellung zu sehen sein. Was fehlt: Eine Uniform Hofmannsthals, Tagebücher von der Front, Fotos von militärischen Ehrungen - denn es gibt dergleichen nicht.

Böse Zungen würden sagen: Hofmannsthal war ein Drückeberger und Schreibtischtäter. Karl Kraus mit seiner berühmten spitzen Zunge hat genau das getan. Hohn und Spott goss er über den Dichter, der es sich "in einer ziemlich versteckten Filiale des Kriegs" bequem gemacht hatte und dort nationale Reden schwang. "Es müßte ihm die Lizenz entziehen, das Wort in vaterländischer Sache (...) zu führen", schimpfte Kraus in seiner "Fackel".

Hofmannsthal sah sich als Sprachrohr Österreich-Ungarns. Einen offiziellen Auftrag vonseiten der Regierung oder des Militärs hatte er nicht, "nur den einen oder anderen Freund an der richtigen Stelle", wie Kaluga sagt. Seine Motivation: "Er musste zeigen, dass er zu mehr taugt als zum Schießen."

Als junger Mann hatte der Dichter seinen Militärdienst abgeleistet, war zuletzt Leutnant eines Dragoner-Regiments. Das kurierte ihn fürs Leben. 1905 trat er aus der Armee aus. Zu Beginn des Weltkriegs war er ohne Rang und wurde als normaler Infanterist einem Regiment zugeteilt. Mit Beziehungen gelang es ihm, einen Posten im Kriegsfürsorgeamt zu ergattern, wo er wenig arbeitete, aber viel schrieb und zu Vortragsreisen ins Ausland fuhr.

Er schrieb einen "Appell an die oberen Stände", im Krieg ja nicht den Hausstand zu verkleinern und bat darum, bitte "Keine scherzhaften Kriegskarten" zu schreiben. Er publizierte Essays mit Titeln wie "Die Bejahung Österreichs" oder erklärte "Österreichs Kriegsziele".

Den Vielvölkerstaat sah Hofmannsthal als Modell für das friedliche Zusammenleben verschiedener Nationen "und damit als Vorbild für Europa", wie Katja Kaluga erklärt. Was man ihm nicht vorwerfen könne: den Gegner zu verunglimpfen, Abwertendes über den Feind habe er nicht geschrieben. Was man aber finden könne, sei die Verklärung des Heldentodes. Einen Text wie "Geist der Karpathen" fasst selbst Kaluga nur mit spitzen Fingern an: "An der Stelle kann ich ihn nicht mehr retten."

Ob ihn die Ausstellung rettet oder bloßstellt, bleibt abzuwarten. Einen Dichter im Feld, Berichte von Leid und Entbehrung, Gedanken über den Wahnsinn des europaweiten Abschlachtens wird man nicht sehen. Die Ausstellung soll in eine Aufrisszeichnung seiner Wiener Wohnung hineingebaut werden. Statt der Waffe hatte Hofmannsthal im Ersten Weltkrieg seine Bibliothek stets in Griffweite.