Berlin - "Wem gehört die Zukunft?" Diese Frage stellt der Computer-Wissenschaftler und Internet-Pionier Jaron Lanier in seinem jüngsten Buch. Er gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der digitalen Gesellschaft.

Seine Lösungsansätze gelten vielen Kritikern allerdings zuweilen auch als naiv und hoffnungslos romantisch.

Im Mai 1960 in New York geboren, wächst das "Wunderkind" Lanier zunächst in Mesilla, New Mexico, auf. Schon als Teenager besucht er Mathematik-Vorlesungen an der Universität, obwohl er die Highschool mit 15 Jahren ohne Abschluss verlässt. Später lehrt er Mathematik und Informatik an verschiedenen Universitäten. 2010 kürt das "Time Magazine" den Forscher und Philosophen zu einem der 100 einflussreichsten Köpfe der Welt.

In den 80er Jahren leistete Lanier als Computer-Programmierer Pionierarbeit. Der Mann mit den markanten Dreadlocks gilt etwa als Vater des Begriffs "virtuelle Realität". Er entwickelt entsprechende Anwendungen wie eine Datenbrille und im Auftrag der NASA einen Datenhandschuh, über den man auch in virtuelle Umgebungen eingreifen kann. Bei Firmen wie Atari und Silicon Graphics arbeitete er an neuen Schnittstellen und vermarktete seine Anwendungen über die eigene Firma VPL Research.

Immer wieder unterzieht Lanier, der sich auch als Musiker, Schriftsteller, Künstler und Komponist betätigte, das Internet-Zeitalter einem kritischen Blick. Das größte Problem unserer Gesellschaft seien derzeit die Arbeitsplätze, die durch die technische Revolution wegrationalisiert würden, sagte Lanier vor einigen Monaten in einem Interview der "Zeit". Diese Gefahr sieht er durch Erfindungen wie 3D-Drucker noch einmal deutlich beschleunigt. Die Hochtechnisierung in den Betrieben führe möglicherweise in ein "Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit".

"So wie sich die Digitalisierung bislang entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft", sagte er der "Zeit". Während die digitale Gesellschaft Errungenschaften wie die freie Enzyklopädie Wikipedia als Befreiung von Herrschaftswissen und Werkzeug der Demokratisierung feiert, geißelt Lanier sie als Instrumente von Schwarmintelligenz und Verbreitung von Durchschnittsmeinungen. Dass von der Digitalisierung einmal alle profitieren werden, habe er auch einmal geglaubt. Das habe sich aber als falsch erwiesen. Für ihn ist das Internet zu einem Herrschaftsinstrument geworden, bei dem die Daten nur noch einigen wenigen gehören.

Dabei funktioniere beispielsweise Googles Übersetzungsfunktion nur deshalb gut, weil das Unternehmen in Millionen von Daten der Nutzer nach ähnlichen Sätzen sucht. Reale Personen legten also den Grundstein dafür. In seinem aktuellen Buch "Wem gehört die Zukunft" schlägt Lanier deshalb auch ein Vergütungssystem, eine Art Micro-Bezahlsystem vor, das die Profite im Netz auf alle verteilt, die ihre Daten zur Verfügung stellen. Das Buch, so der Börsenverein, sei ein Appell, wachsam zu sein gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung.