New York - Der Vater einer Freundin hatte sie verraten. Kurz nach einem Warnanruf klingelte es bei Wade Kelly an der Tür. Verärgert machte ihr der Pastor klar, dass kein Mitglied seiner Gemeinde Schwulenromane zu veröffentlichen habe.

Wade Kelly müsse Einhalt geboten werden. Vom Ehemann verlangte er, sie unter Kontrolle zu halten. Tränen kullern über die Wangen der US-amerikanischen Autorin, wenn sie von diesem Tag erzählt, ihrem ersten Coming-out. "Ich will einfach nur diejenige sein dürfen, die ich bin", sagt sie der Nachrichtenagentur dpa.

Eine Frau, die Schwulenromane schreibt, hat viele Gegner. Deshalb führen die meisten Autorinnen ein Doppelleben und schreiben unter einem Pseudonym. Wade Kelly ist eine von ihnen. Obwohl das Literaturgenre immer mehr Anhänger findet, musste sie sich gegen die Kirche, aber auch gegen schwule Leser behaupten.

Wade Kelly ist eine heterosexuelle Frau, die in ihren Büchern über die Liebe zwischen Männern schreibt. Das bereitet Konservativen Kopfschmerzen. Aber auch manchen Anhängern des Literaturgenres gefällt es nicht, weil sich eine Frau nicht in einen schwulen Mann hineindenken könne. "Schreibe mich nie wieder an", beendete ein ehemaliger Fan den eineinhalb Jahre andauernden E-Mail-Austausch, als er die Wahrheit erfuhr: Der Autor ist eine Autorin. Das war Coming-out Nummer zwei.

Schwulenromane sind beliebt. Bei der diesjährigen Rainbow Book Fair in New York, der größten Buchmesse für schwul-lesbische Literatur in den USA, stellten mehr als hundert Autoren, Verlagshäuser und Verkäufer ihre Werke vor. Etwa 1500 Interessierte besuchten die Veranstaltung. Im Internet sind die Zahlen beeindruckender. Goodreads.com , die nach eigenen Angaben weltgrößte Internetplattform für Leser und Buchempfehlungen, verzeichnet fast 15 000 Mitglieder in der Gruppe für Männer-Liebesromane. Die Liste der besten Werke umfasst mehr als 2000 Bücher.

Auch in Deutschland ist die Fangemeinde groß. Verlage wie Männerschwarm, Querverlag und Incubus vertreiben etliche Publikationen. Gay-and-lesbianbooks.de bietet fast 900 eBooks zum Downloaden an. "In den letzten Jahren schießen Veröffentlichungen im Bereich Gay Romance aus dem Boden", bestätigt Kira Wolf-Marz vom Incubus Verlag. Einen Grund sieht sie in Fernsehserien mit schwulen Protagonisten.

Widerstand kommt von der Kirche. Im vergangenen Jahr kündigte der katholische Weltbild-Verlag die Zusammenarbeit mit dem kanadischen Verlag Icon Empire Press, weil der "schwule Bücher" führt. Dass aber Leser weibliche Autoren nicht akzeptieren, versteht der schwule Schriftsteller Kage Alan überhaupt nicht: "Belletristik ist etwas Erfundenes. Männer schreiben über weibliche Figuren seit eh und je. Ich selbst natürlich auch. Wieso um alles in der Welt soll eine Autorin nicht über schwule Männer schreiben können?"

Dem Willen des Kirchenmannes widersetzte sich Wade Kelly. Sie verließ die Gemeinde und verarbeitete die schmerzliche Erfahrung in ihrem Buch "When love is not enough". Dass sie einen Fan enttäuschte, bereut sie. "Ich habe gelogen, indem ich verschwiegen habe", sagt sie. "Ich wollte aber nie so sein, wie die anderen." Damit meint sie Hunderte Autorinnen, die unter männlichen oder zumindest androgynen Pseudonym schreiben, weil sie meinen, dadurch mehr Erfolg zu haben.

Auch Wade Kelly ist ein Pseudonym. Aber das dritte Coming-out steht bevor. "Ich versuche über meine Ängste hinwegzukommen." Die gläubige Christin gibt gerade in ihrem Blog viel Persönliches preis. Ihren wahren Namen nannte sie bisher jedoch nicht, in erster Linie um ihre drei Kinder zu schützen. "Ich lebe in einer kleinen, konservativen Stadt in Maryland. Die Menschen hier sind nicht immer offen für alles."