Helsinki - Den Winter über kommt Mumin nicht aus seinem Bett - ab dem Frühling aber widerfahren ihm und den anderen Kreaturen im Mumintal die unglaublichsten Abenteuer.

Seine Schöpferin, die Finnlandschwedin Tove Marika Jansson, hätte wohl manche der Abenteuer gern selbst erlebt, die sie mit feiner Ironie und viel Fantasie schildert. Sie liebte aber auch die Idylle ihrer Heimat. Die Mumins machten die Künstlerin zu einer der bekanntesten skandinavischen Autorinnen des vergangenen Jahrhunderts. Eine der schillerndsten war sie auch so. Vor 100 Jahren wurde Jansson geboren.

Dass ihre an Nilpferde erinnernden Fabelwesen ihre Heimat so oft verlassen - auch schon mal auf rosa Wolken, die aus einem Zylinder aufsteigen -, spiegelt Janssons eigenes Fernweh wider: Die wilde und freiheitsliebende Mumin-Mutter liebte es, unterwegs zu sein. Ihre erste und ihre letzte Reise führte sie nach Paris. Italien, Griechenland, Nordafrika, Japan und die USA waren Stationen ihres bewegten Lebens, das am 9. August 1914 in Helsinki begann.

Jansson, eine schmale Frau, die laut ihrer Nichte Sophia "höchstens 45 Kilo wog", war ein Phänomen für viele ihrer Mitmenschen. "Sie war ein Mensch, der die ganze Welt umfasste und sie zwischen den Händen hielt", sagte der Regisseur und Schriftsteller Lars Löfgren über sie. Die Kinderbuchautorin erzählte so zeitlos, dass sie Generationen von Kindern und Erwachsenen mit ihren Geschichten verzaubert. Obwohl Mumin und seine Weggefährten wie Klein Mü, Sniff oder das Snorkfräulein schon fast 70 Jahre auf dem Buckel haben, sind sie heute genau solche Kultfiguren wie zu ihrer Geburtsstunde 1945, als "Mumins lange Reise" erstmals erschien. Seitdem sind die Geschichten millionenfach gedruckt und in über 40 Sprachen übersetzt worden.

Doch die Mumin-Mania ab den 1950er Jahren machte Jansson, die Kunst in Helsinki und Stockholm studiert hatte, nicht nur glücklich. Dass die drolligen Trolle so im Vordergrund standen, behinderte ihre Karriere als Malerin. Dass ihr Künstlername "Tove" nur noch mit ihrer Rolle als Mumin-Erfinderin in Zusammenhang gebracht wurde, passte der mutigen und bisweilen exzentrischen Frau nicht. Fortan signierte sie ihre Werke stattdessen mit dem unverbrauchteren "Jansson". "Freiheit ist die beste Sache", schrieb sie unter eines ihrer Werke.

Sie sei ihrer Zeit in vielen Dingen voraus gewesen, erzählte ihre Nichte Sophia Jansson der schwedischen Tageszeitung "Svenska Dagbladet": "Als Feministin. Als politisch Radikale. Aber auch als jemand, der seinen Partner nicht nach Geschlecht, sondern nach Gefühlen aussucht. Ob derjenige, den sie liebte, ein Mann oder eine Frau war, hatte weniger Bedeutung." Mit der Künstlerin Tuulikki Pietilä - "Tooti" - traf sie 1955 ihre Partnerin fürs Leben.

Die Künstlertochter schrieb Kurzgeschichten und Romane, illustrierte Bücher anderer Autoren und porträtierte sich immer wieder selbst. Der wunderbar-leichte Roman "Das Sommerbuch" (1972) stammt genauso aus Janssons Feder wie eine Sammlung melancholischer Kurzgeschichten. Auch wenn sie zwischendurch Mumin-müde war, nahm Jansson ihre Fans ernst: Als Autorin hatte sie den Anspruch an sich, jeden Brief zu beantworten, den sie bekam. "Sie unbeantwortet zu lassen stört meine Arbeit weit mehr als zu antworten", meinte sie. Als sie durch Japan reiste, erhielt ihr Bruder Lars die Aufgabe, die Fans von der Verzögerung zu unterrichten.

Heute würde es Jansson, die am 27. Juni 2001 starb, wohl nicht mehr gelingen, jede Post zu beantworten. An die Stelle von Autogrammen ist ein ganzes Mumin-Merchandising-Universum getreten, das ihre Nichte verwaltet. Tassen, Stofftiere, Handtücher und Rucksäcke, Frühstücksbrettchen und iPhone-Hüllen gibt es im Mumin-Design.

Das erste Troll-Geschirr entwarf Jansson in den 50er Jahren sogar noch selbst. Jetzt ist es in einer der Ausstellungen zu sehen, mit denen die Finnen den 100. Geburtstag der Mumin-Erfinderin und außergewöhnlichen Frau feiern.