Berlin - In der Weimarer Republik fing sie mit dem Schreiben an, von den Nazis wurde sie verfolgt, in der DDR erreichten ihre Bücher eine Millionenauflage.

Elfriede Brüning war Chronistin eines ganzen Jahrhunderts. Am Dienstag starb die Schriftstellerin im Alter von 103 Jahren in Berlin im Kreise ihrer Familie. Brünings Tochter bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa eine entsprechende Meldung der Zeitung "Neues Deutschland".

Brüning war das einzige noch lebende Mitglied des in der Weimarer Republik gegründeten Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, dem auch Anna Seghers und Erwin Piscator angehörten. Am 8. November 1910 in Berlin geboren, hatte sie ein bewegtes, nicht immer einfaches Leben. Mit Bestsellern wie "Ein Kind für mich allein" und "Regine Haberkorn" setzte sich Brüning für die Selbstbestimmung und Emanzipation der Frauen ein. Zeit ihres Lebens war sie politisch engagiert.

"Vielleicht hat mich die Arbeit jung gehalten", sagte Brüning einmal. Denn Sport hat sie nie getrieben und eine Zigarette nach dem Frühstück musste ab und zu auch sein. "Schreiben musste ich immer", erzählte Brüning, deren Laufbahn in der Weimarer Zeit als Verfasserin von Reportagen und Kurzgeschichten für das "Berliner Tageblatt" und die "Vossische Zeitung" begann.

1932 schloss sich Brüning dem von Johannes R. Becher geleiteten Bund proletarisch­revolutionärer Schriftsteller an. 1933 verboten die Nazis die Vereinigung, ihre Mitglieder wurden verfolgt. Brüning, die auch KPD-Genossin war, wurde 1935 verhaftet und saß ein halbes Jahr im Frauengefängnis Barnimstraße. "Danach musste ich mich dreimal in der Woche bei der Gestapo melden", erinnerte sie sich anlässlich ihres 100. Geburtstags. Nie habe sie gewusst, ob sie von dort wieder zurückkommt. "Das war meine schlimmste Zeit." Noch im Gefängnis hatte sie den harmlosen Liebesroman "Junges Herz muss wandern" geschrieben, der 1936 mit Hilfe ihres späteren Mannes Joachim Barkhausen veröffentlicht wurde.

Brünings Ehe mit dem Autor und Gutsbesitzersohn dauerte elf Jahre. In der Liebe habe sie nicht so viel Glück gehabt, meinte die Autorin. "Die große Leidenschaft blieb mir versagt." Mit viel Enthusiasmus ging sie dafür daran, ihre politischen Ideale zu verwirklichen. In der DDR gehörte sie der SED an, im wiedervereinigten Deutschland war sie Mitglied der Partei Die Linke. "Wir wollten eine bessere DDR", sagte Brüning im Rückblick. Von der politischen Situation in Deutschland nach der Wende war sie enttäuscht. "Heute denkt jeder nur an sich selbst", kritisierte Brüning. Sie gehörte zu denen, die sich "nicht angekommen" fühlen.

Brüning schrieb 28 Bücher. Den ostdeutschen Frauen gefiel das Motto der Autorin, mit "Herz und Schmerz" zu erzählen. Ihre Werke über starke, emanzipierte Frauen handeln von Liebe, Untreue, Scheidung, Kindererziehung, Krankheit und Tod. Als alleinerziehende Mutter einer Tochter wusste Brüning, wovon sie schreibt. Ihre eigenen Erfahrungen und die von Leidensgenossinnen bündelte sie in dem viel diskutierten Roman "Ein Kind für mich allein" (1950).

Später wurden ihre Werke dokumentarischer und politischer. Oft hat sie heiße Eisen angefasst. Mit "Lästige Zeugen?" (1990) brachte sie mehr Licht in das im Osten totgeschwiegene Kapitel der Verschleppung unschuldiger Frauen in sowjetische Straflager. In "Kinder im Kreidekreis" (1992) bemühte sie sich um eine klärende Sicht auf die umstrittene Adoptionspraxis in der DDR. Unter dem Titel "Jeder lebt für sich allein" veröffentlichte sie 1999 "Nachwende-Notizen".

"Berlin ehrt eine bedeutende Autorin und eine bewundernswerte Frau", erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zum Tod der Schriftstellerin.

"Auch wer ihre politische Überzeugung nicht teilt, darf ihr dennoch den Respekt für ihr Werk und ihre Biografie nicht versagen."

Zeugin einer Epoche: Elfriede Brüning stir...

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