Erlangen - Für viele gilt es als die beschaulichste Art, sich Literatur-Neuheiten anzunähern - in diesem Jahr nahm allerdings die weltpolitische Lage dem Erlanger Poetenfest etwas von seiner sommerlichen Leichtigkeit.

Ob im idyllischen Schlossgarten, im barocken Markgrafentheater oder an den Büchertischen - die Krisen im Nahen Osten und der Ukraine waren auf dem Literaturfestival allgegenwärtig. In den Blickpunkt gerieten dabei vor allem Autoren mit ausländischen Wurzeln, die sich mit intimer Kenntnis mit den Krisenregionen auseinandersetzen.

Besorgt zeigte sich etwa der Kölner Orientalist und Romanautor Navid Kermani über die Lage im Nahen Osten. Nach seiner Ansicht steht die Region angesichts der sich zuspitzenden Konflikte in Syrien und dem Irak vor einer historischen Zeitenwende. "Da geht jetzt eine Welt unter. Da wird künftig eine andere Welt sein, aber nicht mehr die von vorher", sagte Kermani am Samstagabend bei einer Lesung auf dem Erlanger Poetenfest.

Kermani verglich das Ende des Nahen Ostens mit seinen vielen Kulturen, Sprachen und Religionen mit dem Wandel Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. "Im Nahen Osten wird die multikulturelle Vielfalt erlöschen. Und wenn diese Flamme einmal erloschen ist, wird man sie nicht mehr beleben können", sagte der 47 Jahre alte Orientalistik-Professor, der sich seit Jahren auch als Journalist und Prosa-Autor mit der Lage im Nahen Osten auseinandersetzt.

Das Ende des traditionellen Nahen Ostens werde mit einem großen Verlust an kultureller Vielfalt einhergehen, befürchtet Kermani. Schon jetzt beobachte er mit Sorge, dass in seinem Heimatland, dem Iran, nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung die traditionelle iranische Literatur kenne, die teils bis ins 12. Jahrhundert zurückreiche.

Mit Fanatismus, Krieg und Religion im Nahen Osten setzt sich der Berliner Autor Sherko Fatah in seinem demnächst erscheinenden Roman "Der letzte Ort" auseinender. Der Sohn eines irakischen Kurden beschreibt dabei detailreich die Entführung eines deutschen Altertumhändlers und dessen Dolmetschers im Irak. Seine Entführer karren beide auf einem Pick-up durch die Wüste und misshandeln sie.

In einer kontroversen Historiker-Debatte zog derweil der Historiker und Buchautor Jörg Friedrich eine direkte Line zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und etlichen heutigen Krisen in Europa und dem Nahen Osten. Nach seiner Überzeugung sind die mit dem Ersten Weltkrieg geschaffenen Instabilitäten in Europa weiter wirksam.

Zur Begründung verwies Friedrich auf den Zerfall dreier europäischer Großreiche nach dem Ersten Weltkrieg: dem Zarenreich, dem Habsburger Reich und dem Osmanisches Reich. Damit sei in Europa eine "geostrategische Wahnsinnslage" entstanden, die in Teilen des Kontinents nachwirke. Der Historiker und Publizist hatte sich zuletzt mit seinem jüngst erschienen Werk "14/18. Der Weg nach Versailles" mit den Entstehungsbedingungen des Ersten Weltkriegs auseinandergesetzt.

Das Erlanger Poetenfest gilt als wichtigstes deutsches Literaturfestival im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse. Festivalleiter Bodo Birk schätzte die Zahl der Besucher an den ersten drei Festivaltagen auf rund 8000. Ob am Ende die 12 000 Besucher des Vorjahres erreicht würden, sei angesichts des regnerischen Wetters am Sonntag ungewiss. Viele der bis zum Sonntag versammelten Autoren nutzten das bei schönem Wetter im Schlosspark veranstaltete Treffen dazu, erste Einblicke in ihre Neuerscheinungen zu geben.

Bereits am Freitagabend hatte die Hamburger Lyrikerin und Bestsellerautorin Ulla Hahn aus ihrem neuesten Roman "Spiel der Zeit", der sich mit der Studentenrevolte der 1968er auseinandersetzte. Sie selbst sei aber nie eine "68er-in" gewesen, bekannte sie. "Ich war kein mitgestaltendes Element. Dazu war ich zu vernünftig. Ich kannte die Arbeiter, weil ich selbst aus dem Milieu stammte." Mit Arbeiterbewegungs-Parolen habe man ihr daher nicht kommen können, erzählte sie.